Wings of Victory - Royal Air Force Ausstellung Basel
Kaufhaus Rheinbrücke 13. bis 27. April 1946
RAF-Ausstellung: Tieflader mit einem zerlegten Kampfflugzeug im Kasernenhof - Foto Lothar Jeck - Staatsarchiv Basel-Stadt - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Am 6. April 1946 traf die Royal Air Force mit einem ungewöhnlichen Transport in Basel ein. In den späten Nachmittagsstunden bewegte sich ein langer britischer Lastwagenzug von Muttenz her kommend durch die Strassen der Stadt. Getarnte schwere Sattelschlepper und über acht Meter lange Lastfahrzeuge, beladen mit Ausrüstung der britischen Luftwaffe, bis hin zu einem vollständig ausgerüsteten Jagdflugzeug vom Typ Supermarine Spitfire. Flugzeug und Transportfahrzeuge wurden nach ihrer Ankunft auf dem Kasernenhof zwischengeparkt. Bereits beim Entladen sammelten sich Passanten, Soldaten und Neugierige, die das Geschehen aufmerksam verfolgten. Der Einzug liess erkennen, dass Basel zur nächsten Station der Ausstellung "Wings of Victory" geworden war, die bereits in anderen Schweizer Städten grosses Interesse geweckt hatte.
RAF Convoy auf dem Weg zur Kaserne Basel auf der St. Jakob-Strasse (Heute zwischen dem St. Jakob Stadion und der St. Jakob Halle) - Fotos Lothar Jeck - Staatsarchiv Basel-Stadt BSL 1060c 3/7/1140 / BSL 1060c 3/7/1141 - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Hinweis zu den Bildern: Die in diesem Artikel gezeigten Abbildungen wurden teilweise nachträglich koloriert. Die Kolorierung dient der besseren Anschaulichkeit und soll einen lebendigeren Eindruck vermitteln. Farben und Nuancen beruhen auf historischen Quellen und fachlichen Annahmen, stellen jedoch keine exakte Wiedergabe der ursprünglichen Erscheinung dar. Einige Originalbilder können durch Anklicken des Bildes eingeblendet bzw. angezeigt werden.
Am darauffolgenden Tag wurde bekannt, dass es in der Nacht zu einem Zwischenfall gekommen war. Die Basler Zeitung berichtete unter der Überschrift „Bedenklich“:
„Von unserer Stadt dürfte jener RAF-Pilot einen unerfreulichen Eindruck erhalten haben, dem aus seiner im Kasernenhof parkierten Camionnette verschiedene persönliche Ausrüstungsgegenstände entwendet worden sind. Gestohlen wurden zwei Photoapparate, zwei Paar Fliegerstiefel, ein Photoalbum, eine Füllfeder, eine Ledermappe, ein Werkzeugtui aus Leder sowie 500 Zigaretten. Da es sich teilweise um persönliche Erinnerungsstücke aus dem Krieg handelte, ersuchten die Behörden den unbekannten Täter, die Gegenstände dem britischen Generalkonsulat in Basel zurückzugeben. Gleichzeitig wurde eine Strafuntersuchung eingeleitet."
Die Royal Air Force-Ausstellung war zuvor bereits in Zürich im Warenhaus Jelmoli eröffnet worden und hatte dort im Februar 1946 einen ausserordentlichen Besucherandrang erlebt. Anschliessend wurde sie in Genf gezeigt, bevor sie nach Basel weiterzog. Ziel der Ausstellung war es, der Schweizer Öffentlichkeit einen umfassenden Einblick in Tätigkeit, Ausbildung und technische Entwicklung der Royal Air Force während des Zweiten Weltkriegs zu vermitteln.
Sptifire vor der Messehalle 1 - Foto aus der Basler Zeitung vom 12. April 1946 - Fotograf Hoffmann Basel - Digital überrabeitet und koloriert Patrick Schlenker 2026
Als besonderer Blickfang der Basler Ausstellung stand die eine der beiden Spitfire, die ab dem 11. April 1946 auf dem freien Platz vor der Mustermesse Halle 1. Die zweite Maschine war auf dem Flugplatz Sternenfeld in Birsfelden stationiert, von wo aus sie zu Demonstrationsflügen startete.
Eröffnung Ausstellung Warenhaus Rheinbrücke
In Basel wurde die Ausstellung in den Räumen des Kaufhauses Rheinbrücke eingerichtet. Die offizielle Eröffnung fand am 13. April 1946 im Beisein zahlreicher Gäste und offizieller Vertreter aus Politik, Diplomatie und Militär statt. Unter den britischen Gästen befand sich Air Commodore John Boret, der als offizieller Vertreter der Royal Air Force nach Basel gereist war. Boret hatte bereits im Ersten Weltkrieg als Flieger gedient und gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den erfahrenen Führungsoffizieren der RAF. Er war in verantwortungsvollen Stabs- und Kommandofunktionen im Fighter Command eingesetzt gewesen und hatte sich insbesondere in den kritischen Jahren des Luftkriegs über Westeuropa bewährt. Für seine Verdienste war er mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit hohen britischen Orden wie dem Order of the British Empire, sowie mit ausländischen Ehrungen für seine Beiträge zur alliierten Zusammenarbeit. In seinen Worten zur Eröffnung verwies er weniger auf persönliche Leistungen als auf die kollektive Aufgabe der Royal Air Force, in den Jahren 1940 bis 1945 unter schwierigsten Bedingungen den Luftkrieg zu bestehen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Europas zu leisten.
Auch die anwesenden Vertreter des britischen diplomatischen Dienstes erinnerten daran, dass die Ausstellung nicht allein militärischen Zwecken diente, sondern als Zeichen der Verbundenheit zwischen Grossbritannien und der Schweiz verstanden werden sollte. Die Präsentation der Flugzeuge, Geräte und Dokumente sollte Einblick geben in Ausbildung, Technik und Organisation der RAF und zugleich den Übergang von der Kriegs- zur Friedenszeit sichtbar machen.
Flugvorführungen Flugplatz Sternenfeld
Supermarine Spitfire LF XVI TE119/GE-H auf dem Flugplatz Sternenfeld mit der Bodencrew - Foto Archiv Atelier Eidenbenz - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Ein besonderer Anziehungspunkt für die Bevölkerung waren die Flugvorführungen auf dem Sternenfeld in Birsfelden. Bereits am frühen Nachmittag des 14. April 1946 strömten die Menschen in Scharen zum Flugplatz. Zu Fuss, mit Fahrrädern, per Auto und Tram bewegten sich Tausende Richtung Sternenfeld, sodass die Birsfelder Polizei Mühe hatte, den Verkehr in geordnete Bahnen zu lenken. Zusätzliche Tramzüge wurden eingesetzt, dennoch wuchs die Menge rasch an.
Noch vor den Spitfire-Vorführungen herrschte reger Flugbetrieb. Die Segelfluggruppe der Sektion Basel des Ae.C.S. zeigte Schleppflüge mit verschiedenen Segelflugzeugtypen, darunter Condor II, Grunau Baby und Rhön Bussard. Auch Basler Motorflieger führten Passagier-Rundflüge über Stadt und Umgebung durch und ein Pilot zeigte auf einer Bücker-Maschine Kunstflug, der vom Publikum mit anhaltendem Beifall aufgenommen wurde.
Auch Basler Motorflieger nutzten den Anlass für Passagier-Rundflüge über Stadt und Umgebung. Zusätzlich zeigte ein Pilot auf einer Bücker-Maschine Kunstflug, der vom Publikum mit anhaltendem Beifall aufgenommen wurde.
Die Supermarine Spitfire LF XVI mit der Kennung TE119/GE-H, die den Namen „Mady“ trug, startete ebenfalls zu ihrer Vorführung. Gesteuert wurde sie von Flight Lieutenant Collins, einem 27jährigen Piloten aus Südafrika, der während des Krieges bei einer unbekannten britischen Squadron eingesetzt gewesen war. In wenigen Minuten stieg die Maschine auf mehrere tausend Meter, stürzte dann mit hoher Geschwindigkeit wieder herab, fegte in geringer Höhe über das Sternenfeld hinweg und vollführte Loopings, Rollen und steile Steigflüge. Viele Zuschauer verfolgten die Manöver mit angehaltenem Atem. In den Basler Nachrichten sprach der Journalist später von einer „Glanzleistung par excellence“ und beschrieb den anschliessenden Beifall als grenzenlos.
Mehr als 10’000 Zuschauerinnen und Zuschauer wohnten der Vorführung bei. Gemäss Basler Nachrichten vom 15. April war es nicht die erste Begegnung mit einer Spitfire. Die Zeitungen erinnerten daran, dass diese Flugzeuge der Basler Bevölkerung bereits während des Krieges bekannt gewesen waren, als sie im Zusammenhang mit den Angriffen auf das Stauwehr von Kembs am 7. Oktober 1944 über der Region sichtbar und hörbar geworden waren. Damals waren sie Teil realer Kampfhandlungen gewesen – nun erschienen sie erstmals in friedlichem Rahmen.
Anmerkung des Autors: Am 7. Oktober 1944 waren keine Spitfire über Basel im Einsatz. Die Begleitjäger der Lancaster bestanden aus den Staffeln der 133. (polnischen), 306. und 315. Fighter Squadron, die mit Langstreckenjägern vom Typ P-51 Mustang III ausgerüstet waren.
Nach der Landung wurde der Pilot geehrt: Im Namen der Aviatik beider Basel überreichte Cécile Spillmann-Bell Flight Lieutenant Collins ein Blumengebinde und eine goldene Armbanduhr. Aufgrund des aussergewöhnlich grossen Interesses wurden die Demonstrationsflüge am 28. April 1946 wiederholt.
Flight Lieutenant Collins im Cockpit der LF XVI . TE119/GE-H Nickname „Mady“ - Foto Archiv Atelier Eidenbenz - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
14. April 1946 - Flugplatz Sternenfeld - Foto Archiv Atelier Eidenbenz - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Die Ausstellung
Die Ausstellung selbst bot ein aussergewöhnlich breites Spektrum. Entlang der Wände hingen Hunderte von Fotografien, die den Luftkrieg von den ersten Abwehrkämpfen über England bis zu den grossen Offensiven auf dem europäischen Kontinent dokumentierten. Modelle, Karten und sogenannte Briefing-Darstellungen veranschaulichten die Planung von Luftoperationen, darunter auch die Landungen in der Normandie. Zu den technischen Höhepunkten zählten ein aufgeschnittener Merlin-Flugmotor, Bordwaffen, Bomben und Raketen unterschiedlicher Bauarten sowie Navigations- und Funkgeräte. Besonders eindrücklich wirkten die stereoskopischen Aufnahmen von Bombenschäden, wie sie von der RAF zur Auswertung von Einsätzen verwendet wurden. Ergänzt wurde die Ausstellung durch ein Kino, in dem Filme über Ausbildung, Einsatz und Alltag der Royal Air Force gezeigt wurden – Bilder, die nach zeitgenössischer Einschätzung noch nicht verarbeitet waren.
Ein eigener Bereich war der Women’s Auxiliary Air Force gewidmet und zeigte die vielfältigen Aufgaben der Frauen im Dienst der britischen Luftwaffe, von der Technik bis zur Organisation. Auch moderne Ausbildungsmethoden wurden präsentiert, darunter der Link Trainer, ein Flugsimulator, der das sichere Erlernen von Instrumentenflug und Navigation ermöglichte. Zeitgenössische Beobachter sahen darin einen wesentlichen Grund für die hohe Ausbildungsqualität der alliierten Piloten.
Links: Fotoausstellung aus der Zeit zwischen 1939 und 1945 - Rechts: Abgesprungener Pilot mit Fallschrim
Links: Maschinengwehr unter Beobachtung - Rechts: Type K Dinghy mit Segel, dass zur Standardausrüstung britischer Jagtpiloten gehörte
Fotos aus der RAF Ausstellung - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Der Link-Trainer Flugsimulator spielte während des Krieges eine zentrale Rolle in der Ausbildung alliierter Piloten. Er ermöglichte das sichere Erlernen von Instrumentenflug und Navigation und trug wesentlich zur hohen Ausbildungsqualität der Royal Air Force bei. Zeitgenössische Beobachter sahen darin ein Sinnbild der überlegenen alliierten Trainingsmethodik, die der deutschen Luftwaffe, wie ein RAF-Offizier formulierte, auf den Ausbildungsfeldern der freien Welt „ihr Waterloo bereitete“.
Link Trainer der Royal Air Force - In diesem Fall versucht sich eine Damen im Kostüm - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Mit der Ausstellung in Basel fand eine vielbeachtete Präsentation ihren Abschluss, die in Zürich, Genf und nun auch am Rheinknie deutlich machte, wie gross das Interesse der Schweizer Bevölkerung an den Erfahrungen, Leistungen und technischen Errungenschaften der Royal Air Force unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war.
Die Basler Zeitung schloss den Rundgang durch die Ausstellung mit einem nachdenklichen Ton. „Man verlässt diese Ausstellung mit dem Eindruck, dass all die gezeigten Bilder, Geräte und Erinnerungen letztlich unter ein einziges Wort gestellt werden müssten: Nie wieder Krieg.“
Im Zusammenhang mit der ausgestellten Spitfire und den Vorführflügen ist hier auf die besondere Rolle der belgischen Jagdstaffel 350 hinzuweisen. Die Einheit war während des Zweiten Weltkriegs als belgische Staffel innerhalb der Royal Air Force aufgestellt worden und bestanden fast ausschliesslich aus belgischen Piloten, die nach der Besetzung ihres Landes den Kampf in britischen Diensten fortgesetzt hatten. Ausgerüstet mit verschiedenen Versionen der Supermarine Spitfire nahmen sie an Einsätzen über Grossbritannien, dem Ärmelkanal, Nordfrankreich, den Niederlanden und während der alliierten Landung in der Normandie teil.
In den letzten Kriegsmonaten und unmittelbar nach Kriegsende flog die Staffel die Spitfire LF XVI, jenen Typ, zu dem auch die in Basel vorgeführte Maschine gehörte. Als Belgien im Oktober 1946 eine eigene, unabhängige Luftwaffe aufbaute, die zunächst noch unter der historischen Bezeichnung Militaire Vliegwezen – Aviation Militaire firmierte, griff man in einer Übergangsphase auf vorhandene alliierte Ressourcen zurück. In diesem Zusammenhang wurden 27 Supermarine Spitfire LF.16 von der Royal Air Force auf der Basis einer vorübergehenden Leihgabe übernommen. Diese Übergangslösung diente der raschen Einsatzbereitschaft der neuen belgischen Luftstreitkräfte und sollte die Zeit bis zur Auslieferung modernerer Jagdflugzeuge überbrücken. Als eigentlicher Nachfolger waren von der belgischen Regierung Spitfire F Mk XIV mit dem leistungsstärkeren Griffon-Motor bestellt worden.
Bereits im März 1946, also noch vor der formellen Gründung der eigenständigen belgischen Luftwaffe, waren viele der Spitfire LF.16 der beiden belgischen RAF-Staffeln 349 und 350 mit belgischen Hoheitszeichen versehen worden. Trotz dieser äusserlichen Anpassung gingen die Flugzeuge jedoch nie in belgisches Eigentum über. Die 27 an Belgien ausgeliehenen Maschinen erhielten keine belgischen Seriennummern, sondern behielten durchgehend ihre ursprünglichen RAF-Kennungen, was ihren rechtlichen Status als Leihflugzeuge unterstrich.
Mit dem schrittweisen Eintreffen der neuen Spitfire Mark 14 wurden die mit Packard-Merlin-Motoren ausgerüsteten LF.16 nach und nach an das Vereinigte Königreich zurückgeführt. Diese Rückgaben erfolgten einzeln, parallel zur Modernisierung der belgischen Jagdverbände. Die letzte der ausgeliehenen Spitfire LF.16 wurde im März 1948 an Grossbritannien überführt.
