18. März 1945
Französische Commando-Aktion im Dreiland
Zunächst hält das Einzelfeuer weiter an. Leuchtraketen steigen auf, gefolgt von gelegentlichen Maschinengewehrsalven. Doch um 02:45 Uhr bricht ein gewaltiges Artilleriefeuer los, das jedes Gebäude erbeben lässt. Da Windstille herrscht und die atmosphärischen Bedingungen aussergewöhnlich klar sind, verbreitet sich der Schall besonders weit. Die Detonationen sind kräftiger als jemals zuvor wahrnehmbar. In Basel zittert der Boden, zahlreiche Fensterscheiben klirren. Besonders beeindruckend ist das intensive Aufblitzen der Einschläge, das den Himmel weit sichtbar erhellt.
Das Feuer konzentriert sich auf das gesamte Isteiner Gebiet, insbesondere auf den Rücken des Klotzes, den angrenzenden Schafberg und den weiter östlich gelegenen Katzenberg. Einzelne Granaten schlagen bis ins Weiler Hafengebiet ein, also weniger als 1.200 Meter von der Schweizer Grenze entfernt. Zeitgleich nimmt die Beschiessung der Gegend nördlich von Istein zu. Starke Artillerieschläge sind in Richtung Müllheim zu hören. Danach werden das Hinterland des Rheins und der Eingang des Kandertals unter Beschuss genommen. Dichter Rauch und Pulverdampf legen sich über die Region, wodurch eine genaue Beobachtung der Einschläge unmöglich wird. Die Rauchschwaden ziehen bis ins Rheinhafengebiet und hinterlassen einen deutlich wahrnehmbaren Pulvergeruch.
In Richtung Blotzheim steigen um 03:00 Uhr zahlreiche rote Leuchtraketen auf. Orangenfarbene Signale, die den Rhein erhellen, werden auch vom Schafberg abgeschossen.
Um 03:30 Uhr verlegt die französische Artillerie ihr Feuer weiter nach rückwärts. Gleichzeitig setzen französische Sturmboote vom elsässischen Rheinufer mit mehrere hundert französische Commando-Soldaten des African Commando Group unter dem Commando von Colonel Georges-Régis Bouvet ab und durchqueren in rascher Fahrt den Strom. Währenddessen erwidert die deutsche Artillerie das Feuer, doch gelingt es ihr nicht, die französische Aktion entscheidend zu stören.
Die Commandos stossen dabei auf kaum nennenswerten Widerstand, denn die Bunker sind vollkommen zerschossen, und die Drahthindernisse niedergekämpft. Sofort rücken französische Stosstrupps in Richtung Märkt vor. Dabei treffen sie auf völlig überraschte deutsche Truppen, die sich grösstenteils kampflos ergeben. Ganze Gruppen junger, kriegsunerfahrener Wehrmachtsangehöriger fallen den überraschten Franzosen in die Hände. Der Commando-Vorstoss reicht bis in die Ortschaften Binzen und Rümmingen, am Eingang des Kandertals. Bevor die Deutschen eine Gegenaktion einleiten können, ziehen sich die französischen Streitkräfte mit über 400 Gefangenengeordnet über den Rhein zurück. Die französischen Verluste während dieser vierstündigen Aktion sind überraschend gering. Sämtliche Verwundetenwerden noch während des Rückzugs über den Rhein evakuiert.
Denkmal zur Rheinüberquerung in der Nacht vom 17. auf den 18. März 1945 der African Commando Group auf der französischen Seite des Rhein, etwas oberhalb des Stauwehr Kembs / Märkt
Der charismatische und entschlossene Colonel Georges-Régis Bouvet führt seine Soldaten kompromisslosen und unerschütterlicher Energie. Trotz seines strengen Auftretens wird er von seinen Männern hoch geschätzt, da er sich stets für ihre Sicherheit einsetzte und sie mit persönlichem Mut anführte. Sein markantes Kinn und seine Wutausbrüche führten zu dem Spitznamen „La Galoche“.
Allmählich nimmt das Feuer ab und endet gegen 04:00 Uhr – jedoch nur für kurze Zeit.
Nach einer kurzen Pause schiessen französische Batterien erneut, diesmal aus nördlicher Richtung, möglicherweise aus dem Raum Schlierbach. Wenig später folgt Artilleriefeuer aus Bartenheim-Sierenz, das sich auf Eimeldingen und das Kandertal konzentriert.
Nach einer weiteren Unterbrechung nehmen deutsche Geschütze das Feuer wieder auf. Drei kurze, aber heftige Feuerschläge erfolgen um 04:35 Uhr, 04:55 Uhr und 04:58 Uhr. Die Einschläge sind über Binzen und Rümmingenhinweg bis Michelfelden nördlich von St. Louis zu hören. Auch das Hinterland bei Langenhäusern, Neudorf und Kembs gerät unter Beschuss.
In dieser Phase scheint schwere deutsche Artillerie beteiligt zu sein, die in ihrer Feuerkraft der französischen in nichts nachsteht. Trotz der massiven Beschiessung entstehen keine grossflächigen Brände. Kleinere Brandherde, die durch Rauchgranaten verursacht werden, erlöschen nach wenigen Minuten. Bei Tagesanbruch ziehen letzte Rauchschwaden entlang der Berghänge ab, während sich die Region langsam von der heftigsten Nacht seit langem erholt.
Casemate Garchery am Rheinseitenkanal (Canal d’Alsace) auf der Höhe von Rosenau heute
Zwischen 1937 und 1940 wird die Region um Kembs, Rosenau, Village-Neuf, Huningue, Saint-Louis, Hégenheim, Hésingue und Blotzheim mit zahlreichen Kleinkasematten und Stützpunkten befestigt. Mehrere Verteidigungslinienwerden errichtet:
- Entlang des Rheinseitenkanals (Canal d’Alsace) – als erste Verteidigungslinie direkt am Fluss.
- Am Huningue-Kanal – als zweite Linie, die eine tiefere Verteidigungsstellung bildet.
- Entlang des östlichen Ausläufers der ersten Sundgauer Hügel – als dritte Linie, die das Gelände für Verteidigungszwecke nutzt.
- Parallel zur Schweizer Grenze zwischen Saint-Louis und Hégenheim – als vierte Linie, die das Grenzgebiet zusätzlich sichert.
Schäden in Basel
Während des Kommandounternehmen von Colonel Georges-Régis Bouvet Truppen kam es in Basel zu Schäden an Gebäuden.
Zwischen 02:00 und 03:00 Uhr kommt es an der Sundgauerstrasse 11 zu einem Schaden durch einen Pojektileinschlag. Gegen 03:00 Uhr, schlug im Gebiet unterhalb des Rheinhafens ein Geschoss in das Dach der Duschanlage des Schifferhauses Kleinhüningen (Bonergasse 75) ein. Am folgenden Morgen wurden beschädigte Ziegel festgestellt, jedoch entstand lediglich Sachschaden, und es gab keine Verletzten. Das Projektil wurde am Ort des Einschlags gefunden und später durch die Kriegstechnische Abteilung untersucht. Es handelte sich um eine französische 7,5-mm-Gewehrpatrone. Eine offizielle Schadensmeldung wurde durch die Schweizerische Reederei A.G. bei der Polizei Kleinhüningen eingereicht.
