20. April 1945
Eintreffen erster Fremdarbeiter in Basel
Die ersten Züge aus dem Wiesental mit „Fremdarbeiter" sind in Basel eingetroffen. Der Abtransport dieser Personen erfolgte im Einvernehmen mit den deutschen Behörden. Insgesamt umfasste der Transport 289 Personen, darunter 146 Franzosen, 22 Belgier, 38 Holländer, 70 Polen, 5 Spanier und 1 Tschechoslowake. Davon waren 244 Männer, 41 Frauen und 4 Kinder.
Die Franzosen werden heute noch nach Frankreich weitergeleitet, und die Belgier sowie Holländer sollen bald über Frankreich in ihre Heimat zurückgebracht werden. Die übrigen, die nicht sofort repatriiert werden können, werden vorerst in der Schweiz untergebracht.
Heute Abend wird voraussichtlich ein weiterer Transport aus der badischen Nachbarschaft hier eintreffen. Insgesamt ist die Aufnahme von maximal etwa 1000 Personen vorgesehen. Gerüchte über einen Massenandrang an der Grenze sind jedoch unzutreffend. Die gestern eingetroffenen Fremdarbeiter machten einen relativ ordentlichen Eindruck und wirkten nicht unterernährt.
8 Stunden Fliegeralarm in Basel
Durch den Tag sind über der badischen Region und dem Schwarzwald fast ununterbrochen alliierte Fliegeraktionen im Gange. Von der Grenze aus, insbesondere rheinauswärts, sind Formationen von jeweils acht Maschinen zu sehen. Einige dieser Flugzeuge verletzen auch das schweizerische Hoheitsgebiet, was zu einer intensiveren Aktivität unserer Luftabwehr führt.
Gegen 14:00 Uhr kommt es zu einem Angriff auf die Ortschaft Dogern, als zwei Jagdflugzeuge im Tiefflug mit Bordwaffen beschiessen. Sechs weitere Jäger kreisen dabei über der Gegend. Zwischen 17:00 und 18:00 Uhr hört man von Stein aus mehrere Gewehrschüsse, die aus dem Schlosspark von Sädingen stammen. Auf dem Rhein-Ufer verbrennen Mitglieder der Hitlerjugend grosse Papierhaufen, möglicherweise als Massnahme zur Vernichtung von wichtigen Dokumenten.
Ab 20:30 Uhr ist in Richtung Freiburg eine starke Brandröte sichtbar, die fast die gesamte Nacht über anhält. Artilleriefeuer ist in dieser Zeit nicht oder nur vereinzelt zu hören. In Märkt fallen gegen 22:00 Uhr mehrere Maschinengewehrsalven, während ansonsten völlige Ruhe herrscht.
Über Basel und der Dreiländerregion sind während des gesamten Wochenendes immer wieder fremde Flugzeuge gesichtet worden. Von Mitternacht bis Mitternacht gab es insgesamt sechs Fliegeralarme:
- Von 01:00 bis 01:31 Uhr
- Von 01:56 bis 02:54 Uhr
- Von 12:41 bis 17:00 Uhr
- Von 17:47 bis 18:54 Uhr
- Von 21:44 bis 22:34 Uhr
- Von 23:45 bis 00:23 Uhr
Insgesamt dauerte die Alarmzeit 503 Minuten. Besonders während des längsten Alarmzustandes, der von 13:41 bis 17:00 Uhr andauerte, fanden in der Bodenseeregion grössere Fliegeraktionen statt. Am frühen Nachmittag wurde ein fremdes Flugzeug über der Dreiländerregion gesichtet, das mit Rauch ein langgezogenes, seltsam verschlungenes Zeichen in den Himmel zog. Dieses Zeichen war etwa eine halbe Stunde lang sichtbar. Zwischen 13:40 und 14:25 Uhr wurden auf Märkt mehrere Phosphor- und Brisanzminen abgefeuert.
Im Übrigen herrschte im Laufe des Tages und in der Nacht zum Samstag in der Dreiländerregion vollständige Ruhe. An der Davidsbodenstrasse 36 kam es jedoch am Nachmittag zu einem Schaden durch Feindbeschuss.
Notladungen in der Schweiz
Durch den ganzen Tag ereignen sich mehrere bemerkenswerte Zwischenfälle im Schweizer Luftraum.
Gegen 08:30 Uhr, stürzt ein französisches Militärflugzeug, eine Supermarine Spitfire (Kennzeichen MK 366 Y), auf dem Randenhorn bei Merishausen ab. Das Flugzeug war nach einem beschädigten Motor durch feindliches Feuer in die Schweiz eingedrungen. Der Pilot, der einzige Insasse, versucht eine Notlandung, streift jedoch eine freistehende Föhre. In der Folge gerät das Flugzeug in einen unkontrollierbaren Zustand und zerschellt nach etwa 50 Metern in weichem Ackerboden. Das Flugzeug wird in drei Teile zerbrochen: Der vordere Rumpf, ein Flügel mit Motor und der zweite Flügel werden abgetrennt. Der Pilot wird vermutlich aus dem Flugzeug geschleudert und bleibt in der Nähe des Absturzortes liegen.
Der Landwirt Werner Jakob bemerkt das abgestürzte Flugzeug, als er auf dem „Sohlacker“ in der Nähe des Unglücksortes unterwegs ist. Zunächst sieht er das Flugzeug im Bogen, entfernt sich aber, um später zurückzukehren. Als er sich dem Flugzeug nähert, bemerkt er den verletzten Piloten, der sich zwischen den Teilen des Flugzeugs bewegt. Der Pilot, der in deutscher Sprache ruft, dass es ungefährlich sei, kommt ihm entgegen. Jakob hilft ihm, sich hinzulegen, da der Pilot über starke Schmerzen im linken Bein klagt. Jakob verspricht, Hilfe zu holen, und geht ins Dorf, um den Vorfall zu melden. Unterwegs trifft er einen weiteren Dorfbewohner, dem er aufträgt, die örtliche Wehrleitung zu verständigen.
Der verletzte Pilot Leutnant Koechlin wird später ins Kantonsspital Schaffhausen transportiert, wo er medizinisch versorgt wird. Der Absturzort wird von der in Merishausen stationierten Fusilierkompanie 1/83 überwacht und abgesperrt. Gegen 09:50 Uhr wird der Pilot ins Krankenhaus überführt. Das französische Militärflugzeug wird später in drei Teile zerlegt, und der Abtransport erfolgt durch Spezialkräfte des Armeeflugparks Dübendorf. Der Vorfall wird von der Polizeistation Merishausen sowie der örtlichen Wehrführung untersucht. Der genaue Ablauf des Absturzes kann nur rekonstruierter werden, da keine Augenzeugen vor Ort waren, als die Notlandung erfolgte.
Gegen 12:28 Uhr landet die B-17G-50-DL der 15. Air Force, 301st Bomb Group, mit dem Kennzeichen A und dem Übernamen „Princess O'Rourke“, ist nach einem Einsatz über Vipiteno in Dübendorf. Die „Princess O'Rourke“ ist die letzte „Fliegende Festung“, die in die Schweiz notlandet. Die Maschine nimmt zusammen mit anderen Flugzeugen der 301st Bomb Group an Bombardierungen taktischer Stellungen am Brennerpass teil. Starke gegnerische Fliegerabwehr beim Verschiebebahnhof Vipiteno beschädigt die Öltanks der Aussentriebwerke, wodurch diese ausfallen. Mit den zwei verbleibenden Triebwerken gelingt es 1Lt Robert M. Adams, eine sichere Landung in Dübendorf durchzuführen.
Um 18:26 Uhr landet eine Messerschmitt Bf 108 „Taifun“ in Payerne. Die Maschine wird von Schweizer Abwehrjägern aufgegriffen und sicher zur Landung geleitet. An Bord befinden sich drei ungarische Staatsangehörige: Lt. Gyula Hongrois Nagy (Geb. 19.9.1919 Budapest), seine Frau Hedwig Rieder (Schauspielerin) und Unteroffizier Imre Hongroise Sintra (geb. 31.7.1920 Budapest / Karoly Krt.). Die drei versuchen, dem zusammenbrechenden Nazi-Deutschland zu entkommen. In Raffelding, Österreich, wo die Heimatfront bereits von der Roten Armee überrannt ist, schmieden die Piloten den Plan, in die neutrale Schweiz zu fliegen.
Da viele Bf 108 auf dem Flugplatz stillgelegt mit leeren Tanks herumstehen, gelingt es den beiden Offizieren, in mehreren nächtlichen Aktionen genügend Treibstoff zu organisieren, um eine Maschine flugtauglich zu machen. Kurz vor dem Abflug steigt auch Nagys Frau mit ein. Der Flug verläuft unter prekären Bedingungen – ohne funktionierende Uhr und mit einem defekten Benzinanzeiger. Aus Angst vor Angriffen alliierter Jagdflugzeuge fliegt die Taifun tief über dem Boden und erreicht so schweizerischen Luftraum. Dort wird sie von Schweizer Einsatzstaffeln abgefangen und sicher nach Payerne begleitet. Nach der Landung wird die Besatzung interniert, verbleibt jedoch nur kurz in der Schweiz.
ME108 L5AP auf dem Flugplatz Payerne - Foto Privatarchiv
Hintergrund zur Flucht
Lt. Nagy trat im Jahre 1940 in die Luftwaffe ein. Von 1941 bis 1943 wurde er auf die Kriegs-Akademie geschickt, da er die Absicht hatte, Berufsoffizier zu werden. Ende 1943 wurde er nach Deutschland abkommandiert, wo er mit einer Gruppe von ungarischen Piloten als Bernaufklärer ausgebildet wurde. Im Sommer 1944 kam er in Russland zum Einsatz, jedoch nur für 15 Tage. Er führte dies darauf zurück, dass für die 15 Besatzungen, die nach Russland geschickt worden waren, nur 3 Flugzeuge zur Verfügung gestellt werden konnten. Lt. Nagy betont, dass allgemein die Ungarn immer an zweiter Stelle standen und sich die zuständigen deutschen Kommando-Stellen nur sehr wenig um sie kümmerten. Genauere Angaben über diesen Punkt waren nicht erhältlich, da die Einvernahme äusserst schwierig war. Uffz. Sintra sprach fast kein Deutsch, und Lt. Nagy konnte nur wenig Deutsch, weshalb die Einvernahme mit Hilfe eines Wörterbuchs durchgeführt werden musste.
Nach seiner Rückkehr aus Russland wurde Lt. Nagy als Lehrer für neu auszubildende Besatzungen eingesetzt oder hätte eingesetzt werden sollen. Nachdem er diese Tätigkeit einige Wochen ausgeübt hatte, wurde er nach Prag abkommandiert, um als Nachtjäger ausgebildet zu werden. Den praktischen Teil seiner Ausbildung erhielt er in Ohlau. Nach einer Gesamtausbildungszeit von 4 Monaten wurde er zur Königlich-Ungarischen Nachtjägerstaffel 1 versetzt. Doch diese Staffel kam nie zum Einsatz, da sie von einem Flugplatz zum anderen geschickt wurde. Der Rückzug war bereits so chaotisch, dass sie, kaum auf einem Flugplatz angekommen, diesen schon wieder verlassen mussten. Zuletzt befanden sich Lt. Nagy und sein Bordfunker Sintra auf dem Flugplatz Raffelding, wo sie wieder nicht zum Einsatz kamen, sondern nur während einiger Tage auf Einsatzbefehle warteten. Schliesslich erhielt ein Teil der Staffel den Auftrag, nach Pocking zu fliegen, da sie dort als Sohlachtflieger ausgebildet werden sollten. Lt. Nagy gelang es jedoch, zu verhindern, dass er auf die Liste der Abkommandierten gesetzt wurde. Durch diese Aufteilung wurde der Wunsch eines Teils der Staffel zunichte gemacht, der die Absicht hatte, Schluss zu machen und geschlossen in die Schweiz zu fliegen. Laut Lt. Nagy und Uffz. Sintra handelte es sich hierbei um sechs Besatzungen, die sich mit den dazugehörigen Bodenmannschaften aus dem Staube machen wollten.
Lt. Nagy und Uffz. Sintra fassten nun den Entschluss, allein in die Schweiz zu fliegen. Lt. Nagy hatte herausgefunden, dass in der Nähe des Flugplatzes einige „Ne-Taifun“-Flugzeuge stationiert waren. Es gelang den beiden, im Verlauf von vier Nächten genug Treibstoff zu sammeln, um eines dieser Flugzeuge aufzutanken. Lt. Nagy startete auf freiem Feld, da er Angst hatte, vom eigentlichen Flugplatz entdeckt zu werden. Er nahm auch seine Frau mit, die auf dem Stützpunkt wohnte, was, wie Lt. Nagy betont, allgemein üblich war. Der Flug in die Schweiz gestaltete sich jedoch als äusserst ungemütlich, da keiner der drei eine Uhr bei sich hatte und auch die Benzinuhr des Flugzeugs defekt war. Lt. Nagy flog im Tiefflug, um sich vor amerikanischen Jagdflugzeugen zu schützen.
Lt. Nagy konnte jedoch den Flugplatz in der Schweiz nicht genau ansteuern, sodass er einfach in die Tschechoslowakei einflog. In der Nähe von Burgdorf wurde er von unseren Truppen aufgegriffen und nach Prag gebracht.
Sowohl Lt. Nagy als auch Uffz. Sintra machen einen etwas verwirrten Eindruck. Sie haben nicht die Absicht, wieder nach Ungarn zurückzukehren, sondern wollen sich irgendwo im Westen niederlassen. Eine Rückkehr nach Ungarn kommt für sie nicht in Frage, solange die russischen Truppen weiterhin in der Region präsent sind.
