22. April 1945

Starke Flüchtlingsbewegungen an der Grenze Riehen

07:00 Uhr: Der Posten Riehen meldet, dass etwa 30 Personen abzuholen seien, und ersucht um die Zuteilung eines Lastwagens.

08:00 Uhr: Der Kommandant lässt sich über die Lage orientieren und fährt persönlich an die Grenze Riehen, um sich ein Bild der Situation zu verschaffen.

09:30 Uhr: Das Lager beim Badischen Bahnhof meldet das Eintreffen von 3 Franzosen, 2 Belgiern und 15 Holländern. Von der Gruppe, die bereits am 21. April 1945 eingetroffen war, befinden sich noch 19 Franzosen, 1 Belgier und 14 Personen anderer Nationalitäten im Lager.

09:45 Uhr: Die Direktion der Reichsbahn erkundigt sich bezüglich der Durchfahrt eines Wagens mit Wasserstoffperoxid (H₂O₂) auf der Strecke Rheinfelden – Pratteln – Wyhlen. Die Anfrage wird an das Kommando Regiment 11 zur Entscheidung weitergeleitet, inklusive direkter Verständigung.

10:00 Uhr: Ein Rapport zur Einsatzlage fasst die folgenden organisatorischen Punkte zusammen:

  1. Organisation des Hilfsspitals,
  2. Die Grenzwacht soll, falls erforderlich, ein Zwischenlager an der Grenze Riehen einrichten und bewachen, sodass das Territorialkommando die eintreffenden Personen dort abholen kann,
  3. Bei Bedarf soll alle zwei Stunden ein Offizier zur direkten Lagebeurteilung an die Grenze entsandt werden,
  4. Organisation und Anordnung bei einem eventuellen Übertritt von Wehrmacht- oder Volkssturmeinheiten.

11:30 Uhr: Der Territorialdienst meldet für den 23. April 1945 die Ankunft von 440 Franzosen, Belgiern und Holländern in Rheinfelden.

Gleichzeitig teilt der Luftschutzdienst mit, dass heute 140 Mann im Dienst stehen – jedoch ausschliesslich für Einsätze im Falle eines Luftangriffs einsetzbar sind.

Nachdem der Vormittag in der Dreiländerregion völlig ruhig verlaufen war, eröffnete eine französische Batterie um 14:35 Uhr aus dem Raum Bartenheim ein kurzes Artilleriefeuer auf Märkt. Dieses feuerte bis etwa 15:00 Uhr und wurde nach einer viertelstündigen Unterbrechung erneut aufgenommen.

13:30 Uhr: Hauptmann Wild fährt an die Grenze Riehen. Dort wird die Ankunft von etwa 500 Fremdarbeitern erwartet.

17:30 Uhr: Hauptmann Hensler meldet die Ankunft von rund 300 russischen Männern, Frauen und Kindern an der Grenze in Riehen.

17:50 Uhr: Es werden drei weitere Lastwagen für den Transport der Personen eingesetzt.

20:45 Uhr: Major Schott meldet den Übertritt von 1000 Personen. Daraufhin weist Oberst de Bary den Grenzposten Riehen an, keine weiteren Personen mehr bis zum 24. April 1945 anzunehmen.

Insgesamt sind am 23. April 1945 in die Schweiz eingereist: 956 Personen, aufgeschlüsselt wie folgt:

  • 30 Franzosen
  • 53 Holländer
  • 7 Belgier
  • 179 Polen
  • 508 Russen
  • 156 Italiener
  • 2 Rumänen
  • 5 Deutsche
  • 3 Griechen
  • 13 Jugoslawen

Militärische Aktivitäten und Zerstörungen bei der Schweizergrenze

Am Abend und in der Nacht zum Montag konnten an der Schweizergrenze, insbesondere im Bereich von Basel und Umgebung, keine Anzeichen für grössere militärische Bewegungen oder Kämpfe festgestellt werden. Die Deutschen hielten sich weiterhin auf dem rechtsrheinischen Ufergebiet zwischen Istein und der Schweizergrenze auf, ohne dass nennenswerte Aktivitäten gemeldet wurden. Kämpfe oder Angriffe in dieser Region blieben aus.

Zwischen 18:45 und 19:00 Uhr, feuerte ein schweres deutsches Geschütz aus dem Raum Eimeldingen Granaten nach Neudorf. Diese explodierten in der Nähe der Kirche. Die französischen Streitkräfte, die zuvor nur leichte Artillerie eingesetzt hatten, antworteten mit schwereren Granaten, die den Hügel nordöstlich von Eimeldingen belegten. In der Dämmerung waren hinter Märkt und dem Isteiner Klotz Leuchtkugeln sichtbar. Auch Phosphorgranaten wurden auf Märkt geschleudert, aber sie verursachten keinen Brand. Gegen 20:30 Uhr sandten die Franzosen weitere Granaten in das Kanderthal, woraufhin gegen 21:40 Uhr eine starke Brandröte sichtbar wurde, begleitet von Detonationen.

Ab 22:35 Uhr konnten in Richtung Müllheim merkwürdige Erscheinungen beobachtet werden. Starke Detonationen und wiederholte Einschläge waren zu hören. Es wird vermutet, dass französische Granaten aus dem Raum Müllheim in das nordöstliche Festungsgebiet hinter dem Isteiner Klotz abgefeuert wurden. Diese Detonationen hielten bis nach Mitternacht an. 

Augenzeugenbericht

Deportierte Fremdarbeiter in Basel

Einige hundert Meter hinter der Mustermesse, mit ihrem lebendigen Treiben, und in den Hallen des Basler Bahnhofs, dessen Schienenstränge scheinbar verlassen und einsam wirken, herrscht ebenfalls grosses Menschengewimmel. Die Gänge und Aufenthaltsräume sind überfüllt von den deportierten Fremdarbeitern, die erst gestern noch die Grenze überschreiten konnten und nun, auf ihrer ersten Rast, das Glück und die Geborgenheit in der Schweiz geniessen dürfen.

Bisher waren es vor allem Franzosen, Belgier und Holländer, die nach einem kurzen Aufenthalt ohne Kontrolle rasch weitertransportiert wurden. Doch nun ist eine neue Welle von Deportierten angekommen, hauptsächlich aus dem Osten – Arbeiter und Arbeiterinnen, die auf ihrer Flucht und aufgrund der Kriegswirren die Grenze erreicht haben. Diese Menschen, die aus verschiedenen Nationen stammen, sind sichtbar erschöpft, aber auch von einer gewissen Erleichterung geprägt, dass sie endlich sicheren Boden betreten haben. Sie unterhalten sich in verschiedenen Sprachen, und trotz der schwierigen Umstände spürt man eine Mischung aus Hoffnung und der Ungewissheit, was die Zukunft für sie bereithält.

In den Hallen des Bahnhofs spiegelt sich die gedrückte Stimmung der Migranten wider, die sich in dieser Übergangszeit finden – auf der einen Seite die Erleichterung, der Schrecken des Krieges hinter sich gelassen zu haben, auf der anderen Seite die Unsicherheit über das, was noch kommen wird.

Die Lage an der Schaffhauser Grenze

Im Verlauf des Sonntagvormittags treffen motorisierte französische Vorhuten in der Gegend von Beggingen und Bargen an der Schweizer Grenze ein. Die benachbarten deutschen Dörfer werden gegenwärtig durch marokkanische Truppen besetzt. Wie von Schweizer Seite aus festgestellt werden kann, haben sich die deutschen Truppen bereits am Vormittag aus dem Gebiet zurückgezogen, sodass es zu keinen Kämpfen an der Grenze des Kantons Schaffhausen kommt.

Zur selben Zeit dringen französische Truppen, von Donaueschingen kommend, gegen 11:00 Uhr in Überlingen ein. Der gesamte Hegau wird damit vom übrigen deutschen Hinterland abgeschnitten. Donaueschingen soll bereits seit Samstag in Flammen stehen. Zahlreiche Orte im Hegau, darunter auch Singen und das grenznahe Gottmadingen, werden bombardiert. In Gottmadingen treffen die Angriffe insbesondere die Maschinenfabrik Fahr, in der tausende Arbeiter beschäftigt sind. Die Anlage brennt teilweise aus. Über das gesamte Ausmass der Zerstörungen ist derzeit noch kein genaues Bild möglich.

Beunruhigung in Konstanz

In Konstanz herrscht nach Berichten von Schweizer Augenzeugen eine spürbare Beunruhigung, die angesichts der Ereignisse und des raschen französischen Vormarsches nachvollziehbar erscheint. Die lokalen Behörden ordnen den sofortigen Verkauf sämtlicher Lebensmittelvorräte an die Bevölkerung an. Die Vorräte sollen für etwa zwei Monate reichen.

Die Gestapo zieht sich bereits aus Konstanz zurück. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung liegt nun in den Händen der regulären Polizei. In der Stadt und auf der Insel Reichenau sammeln sich grosse Menschenmengen, doch sind keine deutschen Truppen mehr in der Stadt präsent, und es wird auch weiterhin kein Zutritt für diese gewährt.

An der Grenze bei Konstanz warten zahlreiche Schweizerinnen, die mit Deutschen verheiratet sind, auf eine Einreisegenehmigung in die Schweiz. Durch den Tag wird ein Zug mit 900 französischen Fremdarbeitern aus Konstanz via Kreuzlingen nach Basel geführt. Weitere 900 Franzosen warten in Konstanz ebenfalls auf ihre Ausreise und Heimkehr, die in Kürze erwartet wird.

Massiver Flüchtlingsandrang an der Schaffhauser Grenze

In der Nacht kommt es zu einem enormen Flüchtlingsandrang an der Grenze im oberen Schaffhauser Grenzgebiet. Wie aus Ramsen und Schleitheim berichtet wird, wird der Andrang um 01:00 Uhr durch eine Grenzschliessung vorerst aufgehalten. Auf der deutschen Seite warten bei Kälte Hunderte Menschen, viele davon Flüchtlinge. Um 04:00 Uhr wird die Grenze wieder geöffnet. Zahlreiche Personen überqueren die Wutach – teils stehend bis zur Hüfte im Wasser.

Weitere Schäden in Basel

Infolge der Kämpfe in der Region kommt es zu Schäden auf Schweizer Gebiet. Mehrere Meldungen aus Basel und Riehen belegen Gebäudeschäden durch Druckwellen und vereinzelten Splittereinschlag. 

  • Niederholzstrasse 75, Riehen
  • St. Jakobsstrasse 2, Basel
  • Fasanenstrasse 126, Basel
  • Freiburgerstrasse 145 & 66, Basel
  • An der Hohlen Gasse 2, Basel 
  • Rümmingerstrasse 37, Basel
  • Fasanenstrasse 96, Basel

Die Schäden bestehen überwiegend in zerborstenen Fensterscheiben, gelockerten Dachziegeln und erschütterten Mauerteilen. Personen wurden nach ersten Meldungen nicht verletzt. 

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.