23. April 1945

Luftangriffe auf Lörrach und französisches Artilleriefeuer

Bis 01:00 Uhr nachts gab es nur vereinzelte Explosionen in der Nähe des Stauwehrs, und danach kehrte Ruhe ein.

Gegen 04:53 Uhr am Montagmorgen wurde die Ruhe jedoch durch eine gewaltige Detonation unterbrochen, die aus Haltingen kam. In unmittelbarer Nähe der Kirche stieg eine Stichflamme auf, gefolgt von einer grossen Rauchsäule, die weit über den Tüllinger Hügel hinausragte. Der starke Luftdruck war bis über die Schweizer Grenze zu spüren. Es scheint, als hätten die Deutschen die dortige Eisenbahnbrücke gesprengt. Die Rauchsäule wurde allmählich in Richtung Weil und Riehen abgetrieben.

Zerstörte Eisenbahnbrücke bei Lörrach - Zeitungsartikel Privatarchiv Patrick Schlenker

Um 05:39 Uhr erfolgte eine weitere Detonation, als die Eisenbahnbrücke beim Nonnenhölzli, nahe des Grenzübergangs Otterbach, in die Luft flog. Steine und Trümmerteile der Brücke wurden auch auf das benachbarte Schweizer Gebiet geschleudert, wodurch das Dach eines Gebäudes schwer beschädigt und Fenster zerbrochen wurden.

Ab 05:00 Uhr setzten die Deutschen schwere Artilleriegeschütze aus dem Raum Bingen und später auch aus dem Raum Eimeldingen in Bewegung und eröffneten ein intensives Feuer auf das benachbarte Ellass. Erste Einschläge wurden in der Nähe des Stauwehrs und auf dem Gelände zwischen dem Rhein und dem Oberwasserkanal gesehen. Die Beschiessung dauerte etwa eine Stunde. Französische Gegenfeuer wurde nicht gemeldet. Kurz nach 06:00 Uhr flogen mehrere alliierte Flugzeuge ins badische Hinterland, doch Bombenangriffe konnten nicht bestätigt werden.

Am Vormittag setzten die Kämpfe fort. Immer wieder flogen Flugzeugformationen von 12 und mehr Maschinen in das badische Gebiet ein. Um 09:43 Uhr begann ein heftiger Artillerieangriff der Franzosen aus dem Raum Bartenheim auf die Ortschaft Fischingen und Umgebung. Deutsche Geschütze antworteten und feuerten auf das Gelände nördlich von Neudorf sowie auf die Vogelinsel zwischen Rhein und Oberwasserkanal. Ab 11:58 Uhr wurden in Efringen mehrere Sprengungen beobachtet, wobei grosse Rauchwolken aufstiegen.

Während des frühen Nachmittags, führten die Deutschen im Raum Istein und an der Schweizergrenze mehrere Sprengaktionen durch. Besonders betroffen war die grosse, eisenkonstruktierte Bahnüberführung beim Bahnhof Weil Leopoldshöhe, die in die Luft gesprengt wurde. Es fanden dabei zwei verschiedene Sprengungen statt. Weitere Sprengungen wurden in den Bereichen von Efringen, Kirchen und Detlingen durchgeführt. 

Die deutsche Artillerie beschiesst die eigene Stadt Müllheim um den franzsösichen Rückzug zu verlangsamen.

Die alliierte Luftwaffe war am Nachmittag besonders aktiv. Formationen von bis zu 20 Flugzeugen flogen in das badische Gebiet ein. In unmittelbarer Grenznähe konzentrierten sich die Angriffe auf die Stadt Lörrach, die in drei separaten Angriffen mit Bordwaffen und Brandkanistern bombardiert wurde. Der erste und schwerste Angriff begann um 16:45 Uhr und dauerte etwa eine halbe Stunde. Eine Formation von rund 12 Maschinen flog wiederholt in niedrigen Höhen über die Stadt und bombardierte Lörrach nach Abwurf der Brandkanister mit Bordwaffen. Es entbrannten gewaltige Brände, insbesondere an den Nordostausgängen der Stadt, die schliesslich den gesamten Ort in schwarze Rauchschwaden hüllten.

Der Angriff schien weniger den Bahnanlagen als den Treibstoffdepots gegolten zu haben. Während des gesamten Angriffs ertönte keine nennenswerte Abwehrfeuerung. Die Flugzeuge verschwanden später über den Übergang zwischen Wiesen und Kanderthal in Richtung Kandertal, wo später Detonationen und Rauchschwaden sichtbar wurden. Zwei weitere Angriffe auf Lörrach folgten im Anschluss.

Gegen 16:45 Uhr, als die alliierten Flugzeuge näherkamen, herrschte in Lörrach eine gewisse Neugierde, da viele Schaulustige versuchten, die Fremdarbeiter zu sehen, die gerade über die Grenze kamen. Die Situation nahm jedoch eine dramatische Wendung, als plötzlich die erste Staffel von drei Flugzeugen über der Stadt auftauchte und im Steilflug begann, die Bordwaffen abzufeuern. Dem ersten Angriff folgten drei weitere Staffeln, sodass insgesamt 12 bis 13 Maschinen an dem Angriff teilnahmen. Während einer halben Stunde wurde Lörrach nahezu ununterbrochen bombardiert. Kurz nach dem ersten Angriff stiegen dicke Rauchwolken aus der Nähe des Bahnhofs Lörrach auf, was auf einen starken Brand hindeutete. Augenzeugen berichteten, dass ein Lager nahe der Seifenfabrik in Brand geraten war.

Die Reaktionen der Schaulustigen waren unterschiedlich: Einige suchten Schutz hinter Mauern oder in Häusern, während andere, insbesondere kleine Kinder, ohne Rücksicht auf die Gefahr auf der Strasse blieben, um den Angriffen zuzusehen. Die Gefahr der Situation schien vielen nicht bewusst zu sein.

Der zweite Angriff auf Lörrach erfolgte um 18:45 Uhr, wobei die Situation weiterhin angespannt blieb und die Schäden durch die wiederholten Luftangriffe immer grösser wurden.

Am Abend, gegen 19:25 Uhr, begann eine heftige Artillerieaktion der französischen Streitkräfte. Zunächst wurden schwere Feuerangriffe aus dem Raum Bartenheim auf Eimeldingen abgefeuert, gefolgt von weiteren Angriffen auf Binzen und Haltingen. Um 19:43 Uhr nahm das französische Artilleriefeuer das rechte Rheinufer in der Nähe des Stauwehrs unter Beschuss, wo sich weiterhin deutsche Truppen befanden, wenn auch in stark zerschossenen Stellungen. Später traten auch Batterien aus dem Raum Sierenz in Aktion, die dieselben Ziele beschossen.

Die französischen Artillerieangriffe auf Lörrach dauerten fast ununterbrochen für eine halbe Stunde an, wobei immer wieder heftige Einschläge in der Stadt zu verzeichnen waren.

Gegen Abend übergibt der stellvertretende Bürgermeister H. Ruprecht die Stadt den Franzosen kampflos, um weitere Schäden und Opfer zu vermeiden. Kurz darauf marschiert das 23e régiment d’infanterie (23e RI) unter dem Kommando von Colonel Landouzi in die Stadt ein.

Grenzübertritte Schaffhausen

Der Andrang an der Schaffhauser Grenze lässt merklich nach. Bei Oberwiesen-Schleitheim passieren rund 500 Personendie Grenze, darunter 150 Polen und 150 sogenannte Senegalneger. In Ramsen gelangen 395 Personen über die Grenze, darunter 118 Russen, 95 Polen und 42 Franzosen. Auch mehrere Schweizer aus Singen und den umliegenden Dörfern kehren zurück und bringen teilweise ihre Habe mit.

Eine Nachtigal in Basel

Eine Leserin berichtet, dass in Kleinbasel wieder eine Nachtigall zu hören ist. Hoffentlich bleibt die herrliche Sängerin in diesem Jahr ungestört bei ihrem Brutgeschäft – anders als die Nachtigall am Schaffhauser Rheinweg im vergangenen Jahr, die durch äussere Umstände beeinträchtigt wurde. Vermutlich flieht der Vogel aus dem kriegsumkämpften Gebiet bei Märkt, wo Nachtigallen früher regelmässig nisteten, und findet nun Zuflucht in einem alten Park unserer Stadt.

Marschall Pétains Flucht

Angesichts des sich abzeichnenden militärischen Zusammenbruchs der deutschen Wehrmacht und um einer Festnahme durch die vorrückende 1. französische Armee zu entgehen, reist Marschall Pétain  gemeinsam mit seiner Ehefrau in die neutrale Schweiz ein. Die Flucht erfolgt nach diplomatischer Vorbereitung über Weesen, wo er sich bis zur Klärung seiner Lage aufhält. Am 26. April begibt sich Pétain zum Grenzbahnhof Vallorbe, wo er sich den französischen Behörden stellt. Dort wird er von Général Marie-Pierre Kœnig offiziell verhaftet. Bis zum Beginn seines Prozesses wird Pétain zunächst im Fort de Montrouge nahe Paris inhaftiert.

Tagesbericht zur Flüchtlingslage an der Grenze bei Basel

05:38 Uhr: Der Silo-Posten meldet die Sprengung eines Viaduktes in der Nähe des Zolls Otterbach. Splitter und Eisenteile fallen auf Schweizer Boden, richten jedoch keinen Schaden an.

06:35 Uhr: Der Grenzposten Riehen meldet die Ankunft von 150 Fremdarbeitern an der Grenze.

08:10 Uhr: Rapport. Das Kommando berichtet von seiner Fahrt an die Grenze. Kleinere Truppengruppen erreichen den Grenzbereich und sollen regelmässig mit Lastwagen abtransportiert werden. Die Bewachungskompanie 21 Basel wird für 18:00 Uhr aufgeboten: 1 Offizier, 3 Unteroffiziere, 20 Mann. Korpsmaterial wird um 16:00 Uhr im Zeughaus gefasst. Die Reichsbahn verlegt ihr Rollmaterial in den Rankhof.

Im Badischen Bahnhof befinden sich am Morgen 956 Personen, davon werden 92 Franzosen, Belgier und Holländer abtransportiert.

10:00 Uhr: Ein Arzt des Regiments 11 verlangt drei FHD-Helferinnen zur Betreuung von Kindern im Badischen Bahnhof. Das Aufgebot wird erlassen und die Helferinnen übernehmen ihre Aufgaben.

10:30 Uhr: Die aufgebotenen Lastwagen der Firmen Settelen und Keller treffen ein und werden sofort für Transporte ins Hilfsspital und ins Inselschulhaus eingesetzt.

11:30 Uhr: Major Scheidegger meldet, dass der erwartete Kinderzug aus Belgien nicht nach Basel, sondern über Genf in die Schweiz kommt.

11:40 Uhr: Truppen werden zur Absperrung des überfüllten Badischen Bahnhofs verlangt.

14:05 Uhr: Rapport: Die Insassen des Rankhofs sollen möglichst zwischen 16:00 und 17:00 Uhr zum Badischen Bahnhof gebracht werden. Die Familienzusammenstellung erfolgt durch einen Polizei-Offizier. Im Inselschulhaus wird Unterkunft für 1000 Personen vorbereitet.

14:20 Uhr: Hauptmann Fournier meldet, dass Lörrach zur offenen Stadt erklärt wurde. Bis jetzt wurden rund 270 Personen über die Grenze eingelassen.

16:10 Uhr: Posten des Regiments 11 meldet, dass 20 Mann des Volkssturms bei Friedlingen über die Grenze gekommen sind.

16:20 Uhr: Die Unterkunft der einrückenden Kompanie 21 wird in der Kanonengasse bezogen.

16:50 Uhr: Um 16:46 Uhr sind 93 Fremdarbeiter zum Transit mit dem Zug nach Genf abgereist.

17:20 Uhr: Hauptmann Heusler meldet dem Territorialdienst, dass 400–500 ledige Personen zum Abtransport bereitstehen.

17:35 Uhr: Der Territorialdienst befiehlt, dass vor jedem Abtransport eine Meldung erfolgen muss, damit die nötigen Züge organisiert werden können. Flüchtlinge, die in der Schweiz verbleiben, werden durch das Territorialkommando Basel betreut.

18:00 Uhr: Weitere 30 Flüchtlinge werden an der Grenze abgeholt.

18:10 Uhr: Das Hilfsspital meldet, dass heute 549 Personen gereinigt (desinfiziert) wurden.

19:00 Uhr: Major Wenger, Hauptmann Heusler und Hauptmann Wild fahren zur Grenze Riehen und zum Badischen Bahnhof. Schwierigkeiten bestehen bei der Verpflegungsverteilung, da sich die Menschen nicht an die vorgesehenen Abschnitte halten.

Während der Nacht passieren folgende Personengruppen die Grenze bei Riehen und werden zum Badischen Bahnhof transportiert:

  • 70 Italiener
  • 40 Tschechen
  • 15 Franzosen
  • 15 Polen
    140 Personen insgesamt.

Meldung von der silo-Wache vom 23. / 24. April 1945 - Quelle Privatarchiv 

Schäden in Basel und Riehen infolge von Sprengungen in der Grenzregion

Infolge heftiger Sprengungen in unmittelbarer Grenznähe kommt es kurz vor 05:00 Uhr zu spürbaren Erschütterungen und Schäden auf Schweizer Gebiet. Zahlreiche Meldungen aus Riehen dokumentieren Gebäudeschäden, verursacht durch Druckwellen und vereinzelten Splittereinschlag. 

  • Lörracherstrasse 113
  • Aussere Baselstrasse 260
  • Eglingerweg 1
  • Weilstrasse 12
  • Bachtelenweg 41
  • Lörracherstrasse 150
  • Lörracherstrasse 79
  • Lörracherstrasse 70
  • Lörracherstrasse 136
  • Lörracherstrasse 74
  • Lörracherstrasse 105
  • Eglingerweg 17

Die Schadensumme der betroffenen Liegenschaften beträgt insgesamt 979'500 CHF!

Schadenkarte Riehen nach der Sprengung der Eisenbahnbrücke in Lörrach - Quelle Historischer Plan GeoPortal Basel - Erstellt durch Patrick Schlenker

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