Basel 1945: Als die Amerikaner plötzlich Ferien machten
Heute könnte man sich kaum vorstellen, dass eine grosse Anzahl amerikanischer GIs in der Schweiz in Uniform durch die Innenstadt laufen, in Gruppen ins Tram stiegen, fotografierten und einkauften, ohne dass das sofort negative Reaktionen auslösen. Natürlich gibt es heute Momente, in denen Uniformen in Basel ganz selbstverständlich zum Stadtbild gehörten, wie wenn das Basel Tattoo sattfindet, wo Militärmusik, Formationen und Zeremoniell als Teil einer Veranstaltung wahrgenommen werden. Aber genau darin liegt der Unterschied. Damals, 1945, war die Uniform nicht „Programm“, nicht Bühne, nicht Event. Sie war Alltag auf der Strasse Basels gewesen.
Amerikanische Soldaten im offenen Tramwagen auf der Mittleren Rheinbrücke - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt BSL 1060c 3/7/341 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Hinweis zu den Bildern: Die in diesem Artikel gezeigten Abbildungen wurden teilweise nachträglich koloriert. Die Kolorierung dient der besseren Anschaulichkeit und soll einen lebendigeren Eindruck vermitteln. Farben und Nuancen beruhen auf historischen Quellen und fachlichen Annahmen, stellen jedoch keine exakte Wiedergabe der ursprünglichen Erscheinung dar.
In diesem Klima hatten US Uniformen nicht automatisch etwas Bedrohliches bedeutet. Sie hatte, gerade im Sommer 1945, je nach Blickwinkel eher nach Schutz, Sieg und Neubeginn ausgesehen. Als im Mai 1945 der Krieg in Europa endete und damit auch die Kämpfe vor den Türen Basels, standen die Amerikaner für viele Basler nicht als Fremdkörper in der Stadt, sondern als Zeichen dafür, dass das Unfassbare tatsächlich vorbei war. Amerikanische Soldaten kannten die Basler bis dahin meist nur aus Zeitungen und bestenfalls durch Begegnungen an der Grenze zu Frankreich, wo seit November 1944 bis Kriegsende gekämpft worden war. Und plötzlich kamen sie in Scharen. Die Stadt wurde zur Drehscheibe für etwas, das kurz zuvor kaum vorstellbar gewesen war: Amerikanische Soldaten kamen als Urlauber in die Schweiz. Nicht als Besatzung, nicht als Durchmarsch, sondern als Gäste mit Programm, Zeit und Geld in der Tasche.
Ankunft amerikanischer Soldaten auf Urlaub am Bahnhof SBB am Morgen des 25. Juli 1945 - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22029 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Diese Besuche waren Teil einer organisierten Urlaubsaktion, die in den Jahren nach Kriegsende riesige Dimensionen annahm. Insgesamt reisten bis 1949 rund 300’000 US-Soldaten in die Schweiz. Für viele war es die erste echte Erholung nach Monaten an der Front oder in den Stäben. Für die Schweiz war es eine Mischung aus Konjunkturspritze, Imagekampagne und sozialem Stresstest. Das Programm hatte nicht nur das Ziel, dass Schweizer Hotels ihre damals oft leer stehenden Zimmer wieder belegen konnten. Es hatte sich zugleich als erstaunlich wirksame Werbeaktion für das Bild der Schweiz in den USA sein sollen. Was die Soldaten unterwegs erlebten, tauchte später in Artikeln und Büchern auf.
Ankunft amerikanischer WAAF auf Urlaub am Bahnhof SBB - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22067 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
1950 wurde diese Aktion sogar zum Stoff fürs Kino. Die von der Praesens AG produzierte Filmkomödie Swiss Tour machte die Urlaubsreisen der US-Soldaten selbst zum Thema. Der Film spielte bewusst mit bekannten Schweiz Bildern, mit Berglandschaften, ländlicher Idylle und der Idee technischer Präzisionsarbeit. Gleichzeitig trug er dazu bei, den Mythos der Schwesterrepubliken zu stärken und die Vorstellung einer dauerhaften Freundschaft zwischen der ältesten und der grössten Demokratie der Welt weiter zu festigen.
Warum ausgerechnet die Schweiz – und warum Basel?
Die Schweiz war intakt. Das ist der eine, einfache Grund. Wer aus zerstörten Städten in Deutschland oder Frankreich kam, sah hier funktionierende Bahnhöfe, volle Schaufenster, saubere Strassen und Hotels, die nicht in Ruinen standen. Das wirkte wie eine Postkarte aus einer anderen Welt.
Der zweite Grund war Politik. Man wollte in den USA besser verstanden werden. Neutralität war 1945 kein romantischer Begriff, sondern etwas, das viele Amerikaner kritisch sahen. Ein geordnetes Ferienprogramm, freundliche Gastgeber und positive Berichte sollten helfen, das Bild zu drehen: Die Schweiz als verlässliches, westlich orientiertes Land, nicht als Profiteur am Rand.
Und dann kommt Basel ins Spiel. Weil Basel nicht nur schön war, sondern praktisch. Grenznah, gut angebunden, mit grossen Hotels, mit Bahnhof, Zoll, Logistik – und mit genau dieser Atmosphäre einer Stadt, die schon immer zwischen den Welten lag. Wer die Schweiz bereisen sollte, konnte hier gut ankommen und ebenso gut wieder abfahren. In mehreren Rundreisevarianten war Basel Start- und Endpunkt.
„Welcome to Switzerland“
Artikel in der NZZ vom Morgen des 25. Juli 1945
Am 25. Juli 1945 veröffentlicht die NZZ auf der Frontseite einen englischsprachigen Leitartikel mit dem Titel „Welcome to Switzerland“. Es war nicht einfach nur ein freundlicher Gruss sondern ein bewusstes Signal. In einer Schweizer Zeitung, auf Englisch, so deutlich. Für damalige Verhältnisse ist das bemerkenswert.
Basel erlebt diese neue Offenheit nicht nur auf Papier. Im August 1945 tauchen die Soldaten in der Stadt sichtbar auf und zwar so sichtbar, wie es in der Schweiz zuvor kaum vorkam. In Uniform, in Gruppen, mit Fotoapparaten, mit erstaunlich guter Laune.
Ankunft der ersten amerikanischen Urlauber in Basel
Amerikanische Soldaten auf Urlaub auf dem Centralbahnplatz / Willys Jeep auf dem Centralbahnplatz mit dem Namen "Jersey Bounce" nach dem bekannten Songs von Tiny Bradshaw, Eddie Johnson and Bobby Plater aus dem Jahr 1942. Der Jeep wurde vom Büro für amerikanische Soldaten benutzt - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22085 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Am Mittwoch, 25. Juli 1945, traf aus dem Sammellager Mülhausen um 6.00 Uhr Schweizer Zeit das erste Kontingent amerikanischer Urlauber im Elsässerbahnhof Basel ein. Damit begann die grosse, organisierte Erholungs und Besichtigungsreise durch die Schweiz, die in den folgenden Wochen laufend wiederholt werden sollte. Zum Auftakt waren es 300 Mann. Sie wurden in vier ungefähr gleich starke Gruppen eingeteilt und noch am selben Morgen mit fahrplanmässigen Zügen auf verschiedene Reiserouten verteilt.
Zwar eine unter vielen - US Navy Corpsman 2nd class - Ankunft amerikanischer Soldaten auf Urlaub am Bahnhof SBB - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22056 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Die Abfahrten erfolgten gestaffelt und streng nach Fahrplan. Die erste Gruppe mit rund 75 Mann fuhr um 6.48 Uhr ab und nahm den Weg über den Lötschberg, ihr Hauptziel war der Gornergrat. Die zweite Gruppe verliess Basel um 7.25 Uhr in Richtung Bern und wurde in die Jungfrauregion geführt, wo das Jungfraujoch als Höhepunkt vorgesehen war. Um 7.39 Uhr folgte die dritte Gruppe, die eine besonders grosse Rundreise unternahm und über St. Gallen, Chur, Disentis, Gletsch und Brig bis nach Lausanne führte. Die vierte Gruppe reiste um 9.01 Uhr weiter und sollte zunächst den Vierwaldstättersee besuchen.
Auf Empfangsfeierlichkeiten im Bahnhof wurde verzichtet, weil die Zeiten für einen Teil der Urlauber zu knapp gewesen waren und der Fahrplan vom ersten Tag an pünktlich funktionieren musste. Eine Passkontrolle entfiel, eine Zollkontrolle mussten die Männer jedoch wie alle Reisenden durchlaufen. Je nach Gruppe blieb in Basel ein Aufenthalt von etwa eineinhalb bis drei Stunden, den die Urlauber nach freiem Ermessen nutzten, meist zum Frühstück. Für die letzte Gruppe, die erst um 9.01 Uhr weiterfuhr, war sogar ein kurzer Besuch des Zoologischen Gartens in Aussicht genommen worden.
Kurze Pause für ein Bier - Restaurant Kronenhalle am Centralbahnplatz 10 - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22010 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Die Reisen waren nicht als reine Postkartenfahrt geplant. Die Urlauber sollten sowohl Berge und typische Ausflugsziele als auch Städte und Alltagseindrücke sehen. Gerade diese Nähe von Landschaft und Stadt, von Tourismus und täglichem Leben, sollte den Eindruck prägen. Gleichzeitig wollte man kein Trugbild nähren. Die Besucher sollten auch merken, dass die Schweiz in jener Zeit nicht einfach ein Land im Überfluss gewesen war. Die Verantwortung für einen guten Eindruck lag nicht nur bei Hotellerie und Behörden, sondern auch bei der Bevölkerung. Man erwartete Disziplin und Haltung von den Gästen und man wollte ihnen im Umgang ebenso korrekt begegnen, ohne dass Herzlichkeit und Fröhlichkeit ausgeschlossen gewesen wären.
Basel war als wichtigster Ein und Ausreisepunkt für das Hauptkontingent vorgesehen. Zunächst kamen nur einige wenige hundert Mann pro Tag, in wenigen Wochen rechnete man über Basel mit rund 800 täglich. Das über Chiasso einreisende Kontingent sollte dagegen mit etwa 400 Urlaubern pro Tag ziemlich konstant bleiben. Von Basel aus konnten die Tageskontingente auf zwölf verschiedene Touren verteilt werden, ab Chiasso standen nur drei Touren zur Verfügung. Alle Basler Touren führten am Ende wieder nach Basel zurück. Neun dieser Reisen endeten mit einer Übernachtung in Basel, drei weitere hatten vom siebten auf den achten Urlaubstag das letzte Quartier in Biel oder Neuchâtel. Für die ersten Rückkehrer war eine Basler Übernachtung vom 31. Juli auf den 1. August vorgesehen. Anfangs erwartete man dabei etwa 200 Personen, später eine tägliche Übernachtungsquote zwischen 500 und 600.
Auch für die ganz Jungen war ein GI aus der Nähe ein Erlebnis, sondern auch die Möglichkeit einen Kaugummi zu erhalten - Centralbahnplatz Amerikanische Soldaten auf Urlaub in Basel - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22006 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Amerikanische Soldaten fahren in einer offenen Tram durch Basel - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt BSL 1060c 3/7/1128 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Auch die grossen Routen ab Basel waren detailliert festgelegt. Drei Touren führten zuerst nach Bern und wurden danach auf Interlaken, Thun und Wengen verteilt. Dort schlossen sich mehrere Ruhetage an, verbunden mit Ausflügen, etwa zur Kleinen Scheidegg und zum Jungfraujoch. Am vierten Tag trafen diese Gruppen über den Brünig in Luzern ein und reisten am folgenden Tag per Schiff nach Brunnen und weiter nach Zürich, bevor sie am siebten Tag nachmittags wieder in Basel eintrafen. Nach dem Basler Frühstück gingen sie am nächsten Morgen zurück nach Mülhausen und von dort zur Truppe.
Eine andere Reisekombination führte von Basel nach Luzern, Engelberg und Vignau zu einer dreitägigen Erholungspause. Danach ging es über Brünig und Brienz nach Gstaad, am fünften Tag nach Montreux an den Léman und am sechsten Tag ins Nachtquartier nach Solothurn und Olten, was eine frühe Ankunft am siebten Tag in Basel ermöglichte. Eine weitere Gruppe erreichte den Schauaufenthalt erst gegen Ende der Tour. Sie fuhr am ersten Tag direkt nach Kandersteg, reiste am zweiten Tag nach Zermatt, unternahm den Ausflug auf den Gornergrat und zog nach Zwischenquartieren im Wallis weiter, bevor sie erst am vierten Tag in Montreux, Vevey oder Villars ihre Ruhetage einschob. Auch diese Reise endete am siebten Tag wieder in Basel und führte am nächsten Morgen nach Mülhausen zurück. Eine weitere Route nahm zunächst die Ostschweiz und Graubünden als erstes mehrtägiges Ziel, etwa St. Gallen sowie St. Moritz oder Arosa, und führte dann über den Oberalp nach Andermatt weiter.
Organsiation
Büro für amerikanische Soldaten in Urlaub - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 10138 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Damit das Ganze funktioniert, braucht es Organisation. In Basel wurde ein eigenes Büro eingerichtet, das sich um die amerikanischen Urlauber kümmert. Sie organsierten Ankünfte, Auskünfte, Programme, Weiterreise.
Und Basel bietet genau das, was viele Soldaten suchen. Ein Stück Normalität, verpackt als Erlebnis. Stadtrundfahrten gehören dazu, teils im offenen Tramwagen. Die Soldaten steigen ein, schauen aus dem Wagen, fotografieren und lachen und die Basler schauen zurück. Man muss sich das als gegenseitige Besichtigung vorstellen. Die Amerikaner bestaunen die intakte Stadt, die Basler bestaunen die Sieger in Khaki.
Amerikanische Soldaten auf Urlaub in Basel - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt BSL NEG 9883 / NEG 22026 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Dazu kommt das klassische Souvenir jener Zeit. Die Uhr. Der Uhrenkauf ist nicht Nebensache, sondern Teil des wirtschaftlichen Kerns. Es geht nicht nur um ein Erinnerungsstück, sondern um handfeste Umsätze, die nach den mageren Kriegsjahren willkommen sind. In den Tourismusorten lässt sich das sogar in Zahlen greifen. Bei Ausflugsbahnen wie am Gornergrat steigen die Einnahmen im Sommer 1945 deutlich an. Wenn man in Basel die Schaufenster betrachtet, kann man sich vorstellen, wie sehr man auf kaufkräftige Gäste hoffte.
Kaugummi, Flirts und Moral
Flirt und Nähe - Amerikanische Soldaten auf Urlaub in Basel - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22009 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
So freundlich das alles klingt. Die Begegnung brachten auch Reibung. Schon Kleinigkeiten wurden zum Thema wie zum Beispiel der Kaugummi war so ein Symbol. GIs kauten auf der Strasse unentwegt und so manch ein kleiner Junge oder Mädchen wollten auch einen haben. Kauen auf der Strasse, lässig, ohne sich zu kümmern, ob das „bei uns“ als schicklich galt? Für viele wirkt das frisch und modern, für andere respektlos. Aus heutiger Sicht banal, damals ein echter Kulturkontakt im Alltag.
Grösser wird es bei allem, was mit Nähe, Flirt und Sexualmoral zu tun hatte. Basel hatte dafür eine Szene, die fast wie aus einem Roman wirkt die Elisabethenschanze. Dort kursieren Gerüchte über nächtliche Treffen, Pärchen im Dunkeln, junge Frauen mit Soldaten. Ein Frauenverein alarmiert die Behörden und verlangte sofort Massnahmen. Die Stadt reagiert wie sie halt so reagierte. Nicht mit grossen Reden, sondern mit Kontrollen. Es wurden sogar Detektive ausgeschickt. Das Ergebnis war aus Sicht des Frauenvereins ernüchternd. Es konnte nichts Strafbares, nichts, was man festnageln knnte. Aber der Vorgang zeigte wie aufgeheizt die Stimmung Thema war.
Wartebereich Bahnhof: Amerikanische Soldaten in Uniform - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt BSL 1060c 3/2/155 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Basel als Bühne
Schaulustige beobachten die Ankunft amerikanischer Soldaten auf dem Bahnhof SBB - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22060 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Neben der Spannung gab es aber auch echte Neugier und viele Momente, die eher nach Fest als nach Konflikt wirkten. In Basel spielte amerikanische Militärmusik auf dem Marktplatz und für viele fühlte es sich wirklich an, dass der der Krieg vorbei war und die Nachkriegswelt marschierte nicht ein, sondern sie schlendert herum, machte Fotos und trinkte etwas.
Gerade das machte Basel so geeignet als Schwerpunkt. Weil hier alles verdichtet war wie die Landesgrenzen, die Innenstadt, die Wirtschaft und Moral, Tourismus und Politik. Basel war offen genug, dass es passiert und aufmerksam genug, dass es sofort Thema wurde.
Basel als Knotenpunkt für Imagepflege
Ankunft amerikanischer Soldaten auf Urlaub am Bahnhof SBB - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22054 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Die Urlaubsreisen waren aber nur ein Teil eines Ganzen. Basel wurde auch gezielt als Ort genutzt, um Meinung zu beeinflussen. 1946 wurde eine kleine Gruppe amerikanischer Journalisten in Basel empfangen, mit Gesprächen und Besuchen mit Politik, Wirtschaft, dazu passend Tourismusprogramm. Auch das passte zur Rolle der Stadt. Basel zwischen Aussenwirkung.
Obwohl diese Anlässe in Basel und anderen Städten mit den Journalisten für die offizielle Schweiz sehr wichtig gewesen waren, war das Ergebnis wegen mehrerer Pannen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In Lugano waren die Journalisten ausgerechnet von einem Mitunterzeichner der „Erklärung der 200“ empfangen worden, jener Schrift, die 1940 eine Anpassung der Schweiz an das von den Achsenmächten dominierte Europa gefordert hatte. Und angesichts der Not in den Nachbarländern hatten auch die Dinners in Nobelhotels wenig Begeisterung ausgelöst. Nach der Rückkehr der Journalisten waren diese Punkte in ihren Artikeln deutlich spürbar geworden und sich auch nicht mehr schönreden liess.
Nicht nur amerikanische GIs besuchten Basel. In diesem Fall ein britischer Offiziers der 21nd Army Group in der Freien Strasse Basel - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026
Was blieb?
Die Amerikaner in der Schweiz waren keine Randnotiz, aber auch keine dauerhafte Veränderung. Es war eine kurze, intensive Welle. Und trotzdem hat sie Spuren hinterlassen.
In Basel sah man das besonders klar, weil die Stadt in diesen Jahren ein Resonanzraum war. Die Schweiz wurde nach 1945 nicht amerikanisch, aber sie bekam in Basel für ein paar Sommer einen Vorgeschmack darauf, wie es ist sein wird, wenn eine Weltmacht nicht nur politisch, sondern auch kulturell vor der Haustür steht. Lässig Kaugummi kauend, freundlich grinsend, und mit dem festen Willen, diese paar Urlaubstage voll auszukosten.
Tatsachenbericht eines Reiseführeres aus den Basler Nachrichten vom 1. August 1945
SOUVENIER OF YOUR TRIPS TO SWITZERLAND - Als Andenken an die Ferien in der Schweiz wurden diese Abzeichen abgegeben - Privatsammlung
Ausflüge mit Amerikanern durch die Schweiz - Eindrücke und Beobachtungen
In einer Woche habe ich mehr Antworten gegeben als je zuvor in einem Jahr, lachte der freundliche Reisebegleiter, mit dem ich mich zufällig in einer ruhigen Ecke unterhalten hatte. Es ist eine Freude, wie oft sich unsere amerikanischen Urlauber für alles interessieren. Sie zeigen zwar herzlich wenig eigene Initiative und sind vor allem vorsichtig, weil sie sich klar sind, dass ihre Sprache ein Hindernis darstellt. Wer hierzulande nur Englisch spricht, ist in seiner individuellen Bewegungsfreiheit recht gehemmt. Ohne Reisebegleitung und Führung wären die Wanderer eher verloren. Sobald aber jemand in ihrer Sprache mit ihnen zu reden beginnt, fassen sie Vertrauen und gehen auf Vorschläge mit dem grössten Vergnügen ein. Sie finden sich rasch zurecht, sind überaus folgsam und sehr pünktlich. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass einzelne unter ihnen schon sehr lange in der Armee stehen, wo solches Verhalten natürlich und selbstverständlich ist.
Ein wenig Stolz auf die neue Schweizer Uhr spielt wohl auch mit. Es ist ganz auffallend, wie viele Leute meiner Urlaubergruppe Uhren gekauft haben. Mit 150 Franken Taschengeld für acht Tage kann man allerdings keine allzu grossen Sprünge machen, wenn man gleich zu Beginn eine Uhr kauft. Goldene Uhren fielen ausser Betracht. Aber glücklicherweise verstehe ich von meinem früheren Beruf her etwas von Uhren und konnte daher mit Rat und Tat beistehen. Es wurden gute Markenuhren für 80 bis 90 Franken gekauft, stossfest und wasserdicht. Hie und da kaufte auch ein Soldat eine Uhr für seine Frau. Sehr beliebt waren auch Feuerzeuge und, wenn das Geld reichte, Photoapparate und Filme.
Schon in Mulhouse, wo ich meine erste Gruppe übernahm, wurden die sauberen, komfortablen Schweizer Drittklasswagen bestaunt. Die Leute, die ich führte, kannten sich noch nicht. Von überallher kamen sie nach Mulhouse zusammen. Die Auswahl richtet sich nach Führung und Auszeichnung. So sind ganz von selbst gute, sympathische Männer beisammen, was vieles erleichtert. Eine leise Frage genügte, dass ein Offizier bei jeder neuen Abfahrt kommandierte Step in. Die Gruppe stand sofort in Reih und Glied und zählte sich ab. So wusste ich immer im Handumdrehen, ob mir niemand fehlte.
Obschon Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften während dieser Urlaubsreise einander völlig gleichgestellt sind, traten doch überall die Offiziere sofort zurück, wenn es irgendwo warten hiess. Der Ton, der unter den Leuten herrscht, ist ausgezeichnet, kameradschaftlich und nett. Schon bei ihrem ersten Eintreffen im Basler Bahnhof, den heute ein prächtiges Willkomm Schild ziert, war des Bewunderns kein Ende. Ein völlig intakter Bahnhof.
Auf der Fahrt bewunderten sie namentlich die vielen Einzelhäuser, alle mit einem eigenen Garten. Ob jetzt Erntezeit sei. Was da angebaut werde. Ob der Boden nach der Ernte ein zweites Mal angebaut werde. Sie wollten wissen, warum sie mit der Bahn reisen und nicht leider im Auto reisen müssten. Dies war ihnen nur zu leicht erklärt, und sie verstanden es. Sie lobten dafür immer wieder die vorbildliche Sauberkeit überall, gerade auch in unseren Bahnen. Elektrisch fahren sei herrlich, weil man nach der Reise so sauber sei wie zuvor.
Im Hotel wollten dann doch die meisten zuallererst ein Bad nehmen. Was sie nicht verstehen konnten, war die Tatsache, dass es in der Schweiz nicht möglich sei, über Nacht ein Hemd zu waschen und zu bügeln oder eine Hose aufdämpfen zu lassen. Nur in einem einzigen Hotel konnte das der Rampportier auf Weisung des Hoteliers entgegenkommend besorgen. Eine neue Berufsmöglichkeit für Städte und Kurorte.
Das Essen schmeckte ihnen besser als in England. Es sei viel abwechslungsreicher und besser zubereitet. Beim Café complet, der ihnen neu war, wunderten sie sich über die viele Milch und den wenigen, dünnen Kaffee, denn sie sind den dunklen Kaffee zum Frühstück gewohnt. Fisch dagegen, an den fleischlosen Tagen, begrüssten sie sehr, denn Fisch hatten alle lange nicht gegessen. Dass sie nie Käse bekamen, setzte sie in Staunen. Auf meine Veranlassung wurde ihnen dann als Nachtisch gegen Ende der Reise Käse vorgesetzt, Käse mit Löchern, den sie allein als echt gelten liessen. Dass Milch, Butter und Käse bei uns rationiert sind, begriffen sie erst nach ausführlichen Erklärungen. Ihre Schokolade Coupons dagegen müssen sie nicht ausgeben. Ausserhalb der Schweiz bekommen sie mehr davon und geben daher ihr Geld lieber für andere Dinge aus, nicht selten, und das ist interessant, um von der Schweiz aus nach Hause, nach Amerika, zu telephonieren.
53 Franken für ein Dreiminutengespräch schienen ihnen das Geld wohl wert. Begreiflich. Getrunken wurde hie und da Bier, meistens aber Wasser zu den Mahlzeiten. Geld für alkoholische Getränke wurde sehr wenig ausgegeben. Was sie kennen und etwa gewohnt sind, Whisky und Gin, ist eben bei uns recht teuer nach ihren Begriffen. Jedenfalls war niemals ein Mann betrunken.
Einige Male habe ich einen Teil meiner Gruppe zum Tanz geführt. Das schätzten sie absolut nicht, schon weil sie das von zu Hause so gar nicht kennen. Es geht gegen ihre Auffassungen von den Frauen überhaupt. Und aus Scheu, auch der Sprache wegen, wagte kaum einer einmal, ein junges Mädchen zum Tanzen aufzufordern. Immer musste ich den Vermittler spielen und für sie fragen gehen. Und doch waren sie geradezu hungrig nach Gesellschaft.
Nichts freute sie mehr, als wenn sich Menschen zu ihnen gesellten, die leidlich oder gut amerikanisch sprechen konnten, und das waren sozusagen immer Männer. Nicht selten wurden so meine Urlauber auch in Privathäuser zum Essen eingeladen. Ebenso konnte ich feststellen, dass die amerikanischen Urlauber sehr zeitungsfreundlich sind. Journalisten, Reportern und natürlich auch Bildreportern gegenüber sind sie überaus entgegenkommend. Ein hoher Offizier liess sich ohne weiteres vergnügt in seinem Hotelzimmer beim Rasieren photographieren. Sie sind viel vertrauender als ihre Kameraden, die aus Italien einreisen, denn jene sind doch schon mehr als einmal übers Ohr gehauen worden.
1945 gibt ein von Gottlieb Duttweiler zusammengestelltes Redaktionskomitee ein Erinnerungsbuch für die in der Schweiz empfangenen amerikanischen Soldaten heraus. Das Buch "Our leave in Switzerland" betont den Widerstand der Schweiz gegen die Achsenmächte und war ein hervorragendes Propagandamittel
Amerikanische Soldaten auf Urlaub in Basel beim Strassburgerdenkmal vis-a-vis des Centralbahnhofes - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt NEG 22117 - Kolorierung © Patrick Schlenker 2026





















