Altstadtbrand Nadelberg Basel 18. Februar 1956
Sieben Jahrzehnte nach dem Altstadtbrand am Nadelberg sind die sichtbaren Spuren klein geworden. Im Gedächtnis der Stadt hat das Ereignis jedoch seinen Platz behalten. Dieser historische Rückblick zeigt Stunde um Stunde und Tag für Tag, was damals geschah, was danach folgte und warum der Brand bis heute mehr als eine Episode aus dem Jahr 1956 ist. Patrick Schlenker im Februar 2026
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Obschon die seit Tagen anhaltende Kälte an diesem Samstag, den 18. Februar 1956 nur unmerklich nachgelassen hatte, war bei der ständigen Feuerwache Basel für einen Moment etwas Ruhe eingekehrt, nachdem man in den vergangenen Tagen rund 120-mal zur Behebung von Wasserschäden bei Leitungsbrüchen ausgerückt war. Seit Ende Januar der Wind auf Nordost gedreht hatte, sorgte eine eisige Bise für Temperaturen von bis zu -22 Grad. Am 13. Februar musste deswegen sogar die Rheinschifffahrt eingestellt werden. Nur ein einziges Mal hatte man an diesem Samstag wegen einer geborstenen Leitung ausrücken müssen. Es war sozusagen die Ruhe vor dem Sturm - einem Sturm von Feuer und Rauch.
Samstag, 18. Februar 1956
Um 13.45 Uhr klingelte in der Einsatzzentrale das Alarmsignal. Ein Herr meldete sich über den Feuermelder 114, dass am Nadelberg das Haus Nummer 25 in Flammen stehe. Sofort wurde Alarm ausgelöst und gleichzeitig ging eine weitere Meldung ein, es brenne am Nadelberg. Bereits 56 Sekunden später verliess der erste Löschzug die Wache auf dem Lützelhof mit einer Motorspritze und einer Autodrehleiter, besetzt mit einem Löschmeister, einem Korporal, sieben Gefreiten und drei Mann. Die Distanz bis zur Brandstätte betrug nur rund 400 Meter, dennoch bot sich den Feuerwehrleuten schon bei der Anfahrt bereits das Bild eines ausgedehnten Altstadtbrandes. Im Bereich der Doppelliegenschaft Nadelberg 25/27, einem dreistöckigen Lagerhaus älterer Bauart, schlugen im hinteren Teil meterhohe Flammen empor.
Das Gebäude wurde seit Jahren als Lagerhaus genutzt. Gelagert waren vor allem rund 30’000 fabrikneue Continental Auto-Reifen, dazu Zeitungspapierrollen und weitere Papierware, Möbel sowie ein Zucker-Pflichtlager. Später wurde präzisiert, dass das Pflichtlager der Schaad & Cie. AG neben anderem 100 Tonnen Zucker umfasst habe, wobei von Beginn weg feststand, dass es sich dabei nicht um den gesamten Vorrat handeln konnte. Im Lagerhaus befanden sich ausserdem Depots verschiedener Firmen. Der Grossteil der eingelagerten Waren gehörte der Speditionsfirma Bronner & Co. AG.
Der Nadelberg gehört zu jenem Altstadtgebiet, in dem viele Häuser aus dem 14. - 16. Jahrhundert stammen und in den letzten Jahren teils mit öffentlichen Mitteln renoviert worden waren. Aussen Altstadtcharakter, innen den Bedürfnissen der Neuzeit angepasst. Gerade diese dichte, ineinander verschachtelte Bebauung zwischen Nadelberg, Imbergässlein mit Nebenarm und Spalenberg machte die Lage von der ersten Minute an heikel und für die Feuerwehr neben der enormen Brandlast zur grössten Herausforderung.
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Foto: Starke Rauchentwicklung und meterhohe Flammen über dem Nadelberg - Quelle Basler Nachrichten - Kolorierung Patrick Schlenker
Hinweis zu den Bildern: Die in diesem Artikel gezeigten Abbildungen wurden teilweise nachträglich koloriert. Die Kolorierung dient der besseren Anschaulichkeit und soll einen lebendigeren Eindruck vermitteln. Farben und Nuancen beruhen auf historischen Quellen und fachlichen Annahmen, stellen jedoch keine exakte Wiedergabe der ursprünglichen Erscheinung dar. Einige Originalbilder können durch Anklicken des Bildes eingeblendet bzw. angezeigt werden.
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Schon beim Eintreffen erkannte Löschmeister M. Bub, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Hausbrand handelte. Unter gewaltiger Hitzeentwicklung hatte sich vom ersten Stock aus eine Feuersäule durch das Haus bis in den Dachstock entwickelt. Der hintere Teil des Gebäudes brannte lichterloh. Zwei weitere Brandherde wurden in den beiden Lagerräumen längs der Brandmauer zum Gebäude 23a im 1. und 2. Stock festgestellt. Schwarzer fetter Rauch trat aus allen Fenstern. Mit drei Leitungen ab der Motorspritze versuchten die Feuerwehrleute den Brand im 1. OG unter Kontrolle zu bringen. Parallel dazu griff ein weiterer Trupp unter Gasschutz (Sauerstoffgeräte) mit einer Leitung das Feuer im 2. OG an. Ein rasches Vordringen ins Innere musste wegen der grossen Hitze innert kürzester Zeit abgebrochen werden. Ein entscheidender Umstand verschärfte die Lage zusätzlich. Im ganzen Haus waren Reifen in hohen Stapeln bis an die durch Läden geschlossenen Fenster gelagert, so unglücklich, dass sie die Fenster gleichsam verbarrikadierten. Ein Einsteigen oder Brandbekämpfungen über Leitern durch die Fenster ins Innere war schlichtweg unmöglich. Die Brandbekämpfung musste daher weitgehend von den Seiten her und von den Nachbarliegenschaften aus erfolgen. Man sollte dazu wissen, dass die Brandschutzkleidung der Berufsfeuerwehr in diesen Jahren aus Stoffhosen und Lederjacken sowie einem schwarz lackierten Stahlhelm 18 mit silbernem Kamm bestand. Die Uniform der Freiwilligen Feuerwehr bestand aus Wolluniformen sowie einem schwarz lackierten Stahlhelm.
Nach den ersten Einsatzbefehlen verlangte Löschmeister Bub um 13.49 Uhr über Funk Verstärkung und meldete Grossalarm. In einem weiteren Funkruf wurde die Lage in knappen Worten zusammengefasst: „Grossalarm. Pneulager brennt. Sofort Verstärkung.“ Um 13.51 Uhr wurde die dienstfreie Mannschaft alarmiert. Während die Berufsfeuerwehr den Angriff mit zunächst vier Schlauchleitungen führte, verliess um 14.01 Uhr der zweite Löschzug den Lützelhof zur Unterstützung des ersten. Die mit dem zweiten Löschzug eingetroffenen zwei Offiziere, fünf Unteroffiziere und 5 Mann versuchten mit drei weiteren Leitungen durch den Hof das Feuer von der Rückseite zu bekämpfen.
Um 14.14 Uhr folgte die Alarmierung der ersten Kompanien der freiwilligen Feuerwehr unter Hauptmann Grob, deren erster Zug rückte keine 15 Minuten später, um 14.30 Uhr aus. Wenig später folgten der zweite Zug und um 14.54 Uhr die Alarmierung der zweiten Kompagnie der Freiwilligen unter Hauptmann Grimm. Insgesamt wurden im Verlauf des Einsatzes die Kompanien I und II und später auch III und IV aufgeboten. In Ablösungen standen rund 150 Mann im Einsatz.
Die Brandentwicklung liess den Ernst der Lage auch aus der Distanz erkennen. Kurz nach 14 Uhr zog vom Nadelberg her eine gewaltige dunkle Rauchwolke über die Altstadt. Beobachter beschrieben 30 bis 40 Meter hohe Flammen, eine mächtige Rauchsäule und immer wieder explosionsartig zuckende Flammenspitzen. Durch die Fensteröffnungen seien brennende Reifenstapel deutlich zu erkennen gewesen. Jeweils wenn die Holzböden unter der Last der brennenden Reifen und dem Löschwasser durchbrachen, habe sich die Flamme jeweils erneut, noch stärker, aus tieferen Geschossen nach oben gedrängt. Die Hitze war so gross, dass selbst Leute, die vom Petersplatz zusahen, die Wärme deutlich spürten. Durch den Löschangriff wurde der Rauch zeitweise gegen das Stadtinnere gedrückt. Zugleich trug die Luftströmung verbrannte Papierfetzen bis in weiter entfernte Quartiere. Gegen 16 Uhr zog der Rauch durch den aufkommenden leichten Wind tief über die Dächer, was die Sorge um eine weitere Ausweitung verstärkte. Beobachter hielten fest, es habe zum Glück kein starker Wind geherrscht. Sicher war, dass jede Änderung der Windrichtung in diesem Altstadtgürtel sofort als Gefahr empfunden wurde.
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Foto: Brandbekämpfung der ersten Minuten am Nadelberg 27. Am linken Bildrand ist das Heck der Saurer Autodrehleiter S4C, Baujahr 1950 zu sehen, die erst später zum Einsatz kam - Quelle Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Der Brand breitete sich mit beängstigender Geschwindigkeit weiter aus und bedrohte mehrere Richtungen zugleich. Es war klar zu erkennen, dass das Feuer aus tieferen Geschossen nach oben drängte und dabei immer neue Nahrung fand. Es entstand der Eindruck, der Brand schiebe sich wie eine breite Front vorwärts in Richtung Rosshofgasse ebenso wie in Richtung Schneidergasse und vor allem gegen das unmittelbar benachbarte Zwingerhaus am Nadelberg 23A. Gerade dort spitzte sich die Lage dramatisch zu. Zunächst hoffte man noch, das Zwingerhaus bleibe verschont, doch etwa zwei Stunden nach Brandausbruch verdichteten sich die aus Dachstock und dem kleinen Türmchen dringenden Rauchmassen, wurden dunkler und schwerer, bis nicht mehr zu verkennen war, dass auch dieses Haus erfasst wurde. Wenig später schlugen offene Flammen aus dem Dach des Zwingerhauses.
Fotos: Blick aus dem hinteren Teil des Nadelberg 37 auf die Rückseite der Liegenschaft 25/27. Der Brand hatte das Dach innert weniger Minuten zu Seite Zwingerhaus (23a) schon komplett erfasst - Quelle Feuerwehrmuseum Basel / Kolorierung Patrick Schlenker
Die Gefahr, dass die eng ineinander geschachtelten Häuser am Nadelberg sowie die zwischen Imbergässlein und Spalenberg liegenden Häuser vom Feuer erfasst werden könnten, war riesengross. Um die Ausbreitung und Ausdehnung in diese Richtung zu verhindern, wurden die beiden aufgebotenen Kompanien der freiwilligen Feuerwehren in diesem Abschnitt eingesetzt. Um 15 Uhr versuchte man inzwischen mit 23 Schlauchleitungen gegen das Flammenmeer vorzugehen. Man hatte in dem Moment das Gefühl, fast vergebens. Die Wirkung blieb im Innern begrenzt, unter anderem weil das Wasser bei Temperaturen um minus 6 bis minus 7 Grad teilweise gefror und weil das Objekt von aussen kaum zugänglich war.
Die enorme Hitzeentwicklung blieb nicht auf den Brandherd beschränkt. Dachkanten und Dachstöcke angrenzender Bauten gerieten in Brand. Besonders gefährdet war auch die vis-a-vis liegende Liegenschaft Nadelberg 20, in der die Klavier- und Flügelfirma Eckenstein eingemietet war und die Stallungen des Rosshof, welche ebenfalls Feuer finen. Damit entstand für die Feuerwehr die Gefahr, dass der Brand sich weiter durch die Altstadthäuser ausbreiten konnte. Ziel war es, den Hauptbrand im Lagerhaus niederzuhalten, gleichzeitig Brandansätze an Dächern und Fassaden der Nachbarliegenschaften sofort zu ersticken und fortwährend zu verhindern, dass sich die Flammen in den eng stehenden Häuserreihen festsetzten. Es ging nicht mehr um einen einzelnen Brandraum, sondern um ein ganzes Altstadtviertel. Rundum hielten die Feuerwehrleute gegen Funkenflug und Strahlungshitze mit zahlreichen Leitungen die Dächer und Fassaden. Dies nicht nur sporadisch, sondern dauerhaft.
Parallel zu dieser Ausbreitungsgefahr wuchs das Einsatzdispositiv in kürzester Zeit an. Die Zahl der Leitungen stieg rasch. Aus anfänglich vier Schlauchleitungen wurden schlussendlich 32. Unabhängig von der genauen Zählung stand fest, dass die Wasserversorgung und die Verteilung der Strahlrohre laufend erweitert werden mussten, um an mehreren Fronten zugleich wirken zu können. Einen Einfluss hatte zudem die Kälte welche zwischen -6 bis -18 Grad lag. Hydranten liessen sich nicht öffnen, weil eingefroren. Leitungen, die abgestellt wurden, um die Position zu anzupassen, gefroren teilweise ein, oder der Querschnitt verringerte sich innerhalb der Leitung so stark, dass der Durchfluss zu gering wurde, um noch effektiv arbeiten zu können. Diese Leitungen wurden später als lange Stangen von den Feuerwehrleuten auf die Feuerwache zurückgetragen, um diese in den Fahrzeughallen aufzutauen. Es war so kalt, dass sogar ein Feuerwehrmann, welcher auf einem Dachfirst sitzend das Feuer bekämpfte, darauf anfror und nur mit Hilfe seiner Kameraden wieder von dort befreit werden konnte. Er begab sich anschliessend mit an den Hosen klebenden Ziegelstücken ebenfalls zur Wache zurück um sich aufzuwärmen.
Bald war das ganze Dreieck Nadelberg, Imbergässlein, Spalenberg/Schneidergasse mit Einsatzmitteln belegt. Feuerwehrautos verschiedener Typen standen in den schmalen Gassen, dazu Gerätewagen, Haspeln, Motorspritzen, Pionierwagen und Feuerwehrleitern. Teilweise kamen Rauchschutzgeräte zum Einsatz, jedoch in sehr kleiner Anzahl. Zum grossen Teil schützten sich die Feuerwehrleute ausschliesslich mit einem Rauchschwamm, der kaum Wirkung gegen den beissenden und vor allem giftigen Rauch der verbrannten Autoreifen bot. Schlauchleitungen wurden vom Petersgraben her über den Zerkindenhof (Haus zum Heggendorn - Nadelberg 10) geführt, ebenso vom Imbergässlein und vom Spalenberg aus. Überall lagen Schläuche, querten Treppenhäuser und Durchgänge, liefen durch Höfe und über enge Passagen, und an vielen Stellen musste man sich über Leitungen hinwegbewegen, während Wasser in Bächen abfloss und bei der Kälte sofort wieder zu Eis erstarrte. Anwohner halfen bereitwillig mit, wo es möglich war. Beim Tragen und Verlegen von Schläuchen, beim Freimachen von Wegen, beim raschen Öffnen von Zugängen und beim Bereitstellen dessen, was in dieser Lage ohne Umstände gebraucht wurde. So wuchs innerhalb kurzer Zeit aus einem ersten Löschangriff ein mehrseitiger Abwehrkampf, bei dem jede zusätzliche Leitung und jeder weitere Strahl nicht Luxus, sondern notwendig war, um die Altstadtzeile vor dem Übergreifen zu bewahren.
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Foto: Nadelberg 25 und 27 im Vollbbrand. Rechts davon das Zwingerhaus mit dem markanten Treppenturm aus dem 14. Jahrhundert. Durch die grosse Hitze fing der Dachstuhl des erst kurz zuvor renovierten historischen Gebäudes ebenfalls Feuer - Quelle Feuerwehrmuseum Basel / Kolorierung Patrick Schlenker
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Um 15.05 Uhr stürzte unter ohrenbetäubendem Krachen ein Teil der Vorderfassade des brennenden Lagerhauses Nadelberg 25 auf die Strasse. Glühend heisse Falzziegel sausten hernieder, prasselten auf Schläuche und Ausrüstungen und zerbarsten auf dem Steinpflaster. Eine halbe Stunde später brach erneut ein weiterer Teil der Vorderfassade ein und wirbelte ein Meer von Gluten auf. Über der Innerstadt lag eine riesige Rauchwolke. Ein beissender Qualm von verbranntem Gummi senkte sich infolge der Löscharbeiten zwischen Marktplatz und Barfüsserplatz in Strassen und Gassen. Bis nach Muttenz, rund fünf Kilometer entfernt, war die Rauchfahne nicht nur sichtbar, sondern auch riechbar gewesen.
Die Arbeit verlagerte sich in jener Phase zu einem grossen Teil auf Dächer, Dachterrassen und Leitern. Die zahlreichen Feuerwehrleute standen auf vereisten Ziegeln, richteten Strahlrohr um Strahlrohr in den Feuerkessel, arbeiteten aus Dachluken, von Leitern und aus Hinterhöfen. Neben dem Hauptbrandherd musste an vielen Stellen der Feuersprung an Dachkanten immer wieder bekämpft werden. Besonders dramatisch wurde das Vordringen des Brandes gegen das Zwingerhaus Nadelberg 23A beschrieben, benannt nach dem Arzt Theodor Zwinger, welcher das Haus mit seiner Barockfassade 1572 erwarb und umbaute. Zunächst glaubte man, das Haus bleibe verschont, dann drangen aus dem Dachstock und dem Türmchen immer dichtere, dunklere Rauchmassen. Nur wenig später schlugen offene Flammen aus dem Dach. Gleichzeitig musste auch die Nordhälfte des historischen Hauses gegen ein Übergreifen geschützt werden.
Foto Links: Der Moment des einsturztes der Fassade der Liegenschaft Nadelberg 25. Der Feuerwehrmann kann sich mit einem Sprung gerade noch retten - Quelle Basler Nachrichten - Privatarchiv Patrick Schlenker
Foto Rechts: Löschangriff aus dem Dachausbau auf der Rückseite der Liegenschaft „Hintere Hattstatt“ auf das Brandobjekt - Quelle Privatarchiv Patrick Schlenker
Auch das Haus Nadelberg 31, die „Hintere Hattstatt“, war bedroht, konnte jedoch vor einem vollständigen Brand bewahrt werden. Aus dem Rapport der ersten Kompanie ist zu entnehmen: Ab 14.30 Uhr wurde im Abschnitt der Liegenschaft Nadelberg 31 («Hintere Hattstatt») Stellung bezogen, da die Übergriffsgefahr auf die hinteren Liegenschaften am Spalenberg besonders gross war. Zur Sicherung und Brandbekämpfung wurden insgesamt vier Leitungen eingesetzt: Zwei vom Spalenberg her durch die Häuser 12 und 16 sowie zwei ab Nadelberg. Nachdem die Ziegel bereits stark dampften und das Holzwerk im Innern durch Zivilisten wiederholt mit Eimern Wasser gekühlt worden war, konnte die Übergriffsgefahr behoben werden. Freiwerdende Angehörige der verschiedenen Gruppen wurden laufend zu weiteren Einsätzen befohlen.
Situationsplan am späteren Nachmittag des 18. Februar 1956 - Karte Patrick Schlenker
Übersicht über die Situation am Nadelberg im Laufe des Nachmittages des 18.2.56. Im Nadelberg waren zwei Motorspritzen der ständigen Wache Basel, sowie eine Drehleiter im Einsatz. Von Seiten Pfeffergeässlein setze die 2. Kompanie der freiwilligen Feuerwehr mehrere Leitungen auf die Rückseite der betroffenen Liegenschaften ein um eine Ausbreitung zu verhindern. Da bis zu 32 Leitungen im Einsatz standen, wurden im Plan die Leitungen allgemein gezeichnet.
In Richtung Spalenberg blieb die Situation äusserst kritisch, weil der Hauptbrandherd nahe bei den hinteren Häusern des Spalenhofes lag. Bewohner der nahen Liegenschaften packten ihre Habseligkeiten in Tischdecken und Tücher und verliessen mit dem, was sie tragen konnten, ihre Häuser. Wieder andere stellten die wichtigsten Habseligkeiten bereit, für den Fall, dass die Evakuation auch sie betreffen würde. Im Imbergässlein 21 wurden Teile des Dachs durch Funkenflug in Brand gesetzt. Durch das rasche Eingreifen der Eheleute Colombe-Luthringer und der Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindert werden. Die Wohnung wurde jedoch durch den Einsatz stark durcheinandergebracht.
Wie so oft, zog der Brand auch in diesem Fall Hunderte von Schaulustigen an. Die Polizei errichtete unmittelbar nach dem Grossalarm mit dem Alarmpikett und verfügbarer Mannschaft vom Spiegelhof einen Absperrdienst, bot dienstfreie Kräfte auf und setzte schliesslich rund 40 Mann ein. Die Zahl konnte später in der Nacht auf 14 reduziert werden, am Sonntag genügte ein Aufgebot von 8 Mann. Zeitweise kam bei der Polizei ein tragbares Funkgerät zum Einsatz, um die drahtlose telefonische Verbindung von der Brandstelle zum Spiegelhof sicherzustellen. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass die Schaulustigen, insbesondere vom Spalenberg her, die Arbeit von Polizei und Feuerwehr behindert habe. Auch am Petersgraben hätten zahlreiche Autofahrer die Strasse zunächst durch Parkieren in zwei Reihen blockiert, bis nach der Umleitung via Spalentor wieder Ordnung hergestellt werden konnte.
In mehreren umliegenden Häusern wurden Sanitätsposten eingerichtet. Dazu kam die Rotkreuzkolonne 73, die der freiwilligen Feuerwehr zugeteilt war, zum Einsatz. Dass diese Posten bis Mitternacht kaum beansprucht wurden und ausser kleinen Verletzungen und einer leichten Rauchvergiftung keine ernsthaften Unfälle bekannt wurden, war mehr als nur erstaunlich, angesichts der gefahrvollen Arbeit, dem giftigen Rauch und Arbeiten auf den vereisten Dächern.
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Foto: Schaulustige versammelten sich innert kürzester Zeit rund um den Nadelberg und behinderten den Feuerwehreinsatz - Quelle Basler Nachrichten
Auf der Brandstätte erschienen gegen Abend neben dem Vorsteher des Löschwesens, Regierungsrat Fr. Brechbühl, auch Regierungsrat Dr. P. Zschokke, der Erste Staatsanwalt Dr. H. Wieland, der Chef des Kriminalkommissariats Dr. H. Henner, Polizeinspektor Major O. Altenbach, die Polizeihauptleute M. Perret und Ad. Ramseyer, Polizeioberleutnant Fr. Meyer, Telefondirektor E. Frey sowie diensthabende Angestellte des Elektrizitätswerkes. Kriminalkommissär A. Jöhl leitete, von seinem Kollegen E. Martin (Erkennungsdienst) unterstützt, die ersten Abklärungen. Ein klares Ergebnis lag anfänglich nicht vor. Augenzeugen fehlten weitgehend und Beteiligte stellten sich zum Teil spät ein.
Folgende zwei Aussagen prägten die ersten Stunden der Rekonstruktion:
Ein Lagerarbeiter berichtete, er habe in seinem kleinen Büro den Zahltag vorbereitet, als ihn ein kleiner Knall aufschreckte. Aus der Schalttafel habe eine Stichflamme gezischt und im Nu habe es lichterloh gebrannt. Ein weiterer Augenzeuge, Emil Hofstetter, Angestellter einer Milch- und Käsefirma im Bereich des Spalenhofes gab zu Protokoll: Kurz vor 14 Uhr betrat ich mein Zimmer. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall, der mich erschreckte. Ich ging sofort ans Fenster und sah bereits hohe Flammen aus der Liegenschaft Nadelberg 25/27 schlagen. Daraufhin veranlasste ich umgehend die Alarmierung. Nach meiner Wahrnehmung muss der Brand im Bereich des ersten Stockwerkes ausgebrochen sein. Zur Brandursache kann ich keine Angaben machen.
Gegen 17 Uhr wurde gemeldet, das Feuer sei lokalisiert. Das Lagerhaus Nadelberg 25/27 brannte dennoch bis auf die Grundmauern nieder. Der Brand hielt an, vor allem in tiefer liegenden Räumen und Kellern, wo sich weiterhin brennbares Material befand. Neben den direkt angrenzenden Gebäuden wurden durch das Feuer auch die Liegenschaft Nummern 20 und 31 beschädigt, sowie das Imbergässlein 20. Um 17.21 Uhr wurde die 3. Kompanie aufgeboten, welche ab 18.30 Uhr zur Ablösung und Brandwache erschien.
Die Temperatur sank im Verlauf der Nacht auf - 18 Grad. Zur Sicherstellung der Einsatzfähigkeit wurden die Rohrführerstellungen wiederholt kontrolliert, insbesondere im Hinblick auf drohende Erfrierungen an Fingern und Händen. Als besonders heikel erwies sich die Lage beim Zwingerhaus 23a. Unter Führung eines Leutnants war die Mannschaft der 3. Kompanie dort stark gebunden. Um verdeckte Brandstellen zu erreichen, wurden Blindböden geöffnet und Wandteile aufgebrochen. Wegen zunehmender Einsturzgefahr musste der Rückzug der Leute mehrfach angeordnet werden, da von der Giebelwand fortlaufend Mauerwerk abfiel. Gleichzeitig zeigten sich Absenkungen der durch Löschwasser und Eis geschwächten Böden. In der Folge wurde die Rohrführerstellung auf dem Dach auf der Giebelseite, die ebenfalls in den Brandherd wirkte, zurückgenommen. Kurz darauf brach ein Teil der Giebelwand ein. Zusätzlich kam es zu herabstürzenden Plafondteilen.
Um 24.00 Uhr wurde die Kompagnie in Gruppen von zwei bis fünf Mann im Restaurant «Feldschlösschen» am Spalenberg verpflegt. Um 03.00 Uhr ging die Meldung ein, dass der Dachhimmel im Imbergässli 21 brenne. Der Ausbruch konnte mit einer Leitung rasch gelöscht werden. Erst um 03.30 Uhr in der Nacht ist die ständige Wache auf dem Lützelhof wieder einsatzfähig.
Foto: Mitten an der Löschfront Vorsteher des Löschwesens, Regierungsrat Fr. Brechbühl - Quelle Feuerwehrmuseum Basel - Kolorierung Patrick Schlenker
Schweizer Wochenschau über den Brand an Nadelberg 1958 - Quelle Youtube - Verschwundenes Basel
Foto: Eine weitere imposante Aufnahme vom Grossbrand in der Basler Altstadt: Blick von der Barfüsserkirche auf die Brandstätte - Quelle Basler Nachrichten 20.2.1956 / Privatarchiv Patrick Schlenker
Sonntag, 19. Februar 1956
Am Sonntagmorgen kämpfte die Feuerwehr immer noch gegen den Brand. Vom frühen Morgen an drangen aus dem Brandherd weiterhin Rauch- und Dampfwolken, und das Feuer in tiefer gelegenen Kellerräumlichkeiten brannte unentwegt weiter. Die Brandwache hielt die Glut sorgfältig nieder, mehr war oft nicht möglich. Gleichzeitig wurde abgeklärt, ob im Keller allenfalls explosive Stoffe gelagert wurden. Im Laufe des Morgens konnte dies ausgeschlossen werden.
Die Kälte blieb zudem weiterhin ein ständiger Gegner. Die Temperatur blieb durch den Tag im Minus Bereich. Das Löschwasser gefror auf Strassen und in Treppenhäusern zu dicken Krusten und bildete Eisflächen. Die skurrilen eisgepackten Gebäude, ja sogar zum Trocknen aufgehängte Wäsche sahen unglaublich künstlerisch aus. Im Spalenhof, durch dessen Treppenhaus ein grosser Teil des Wassers abgeflossen war, fühlte man sich, wie in einer Eisgrotte. Meterlange Eiszapfen hingen an verkohltem Gebälk, die Uniformen der Feuerwehrleute starrten vor Eis. Auf Nadelberg und Imbergässlein musste Sägemehl und Splittersand gestreut werden, damit man überhaupt stehen und gehen konnte.
Fotos: Die Rückseite der Zwingerhauses unter cm dickem Eis am Morgen des 19. Februar - Quelle Feuerwehrmuseum Basel & Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker
Aus der Nachbarschaft bekamen die durchnässten Feuerwehrleute immer wieder heissen Tee, Kaffee, teils auch Brot, Kuchen und Tabakwaren und ab und zu auch einen Kaffee mit Schuss. Auch von mehreren Flaschen Rum war die Rede, welche die Feuerwehr angefordert hatten. Zum Aufwärmen bot der Dupf-Club im Imbergässlein 22 in seinem Cliquenkeller ein warmes Heim und Suppe. Die Anteilnahme war praktisch und ohne Aufhebens. Spontan meldeten sich zahlreiche Personen und Familien bei der Feuerwache und boten an, Obdachlose aufzunehmen oder Betten zur Verfügung zu stellen.
Foto: Eine heisse Tasse Tee oder Kaffe war immer gerne gesehen - Quelle Feuerwehrmuseum Basel - Kolorierung Patrick Schlenker
Im Laufe des Sonntags zeigten sich die Schäden an den Wohnhäusern immer deutlicher. In der Hinteren Hattstatt (Haus 31) wurden Verwüstungen durch Feuer und Wasser in einer Atelierwohnung im obersten Stock festgestellt. Da die Bewohnerin auswärts weilte, mussten die Räumungsarbeiten durch fremde Hand vorgenommen werden. Noch schwerer traf es das Zwingerhaus im 23a. Wohnungen mit antiken Möbeln, grossen Büchersammlungen und wertvollem Zimmerschmuck boten ein Bild der Verwüstung. Teilweise stand das Wasser 30 cm hoch. Die Wände waren bedeckt von Russ und Schutt. Unter Polizeiaufsicht wurden die noch zu rettenden Exponate durch die zweite Kompanie, dem Roten Kreuz und freiwillige Helfer evakuiert und gerettet.
Am Sonntagnachmittag wurde der Zutritt zur Liegenschaft Nadelberg 23A wegen Einsturzgefahr komplett verboten, nachdem offenbar die letzten noch zu rettenden Gegenstände herausgeholt worden waren. Zeitweise zog man sogar Pumpen zurück, weil man gegen Abend befürchtete, Teile des Hauses könnten zusammenbrechen. Diese Sorge sollte sich später als berechtigt erweisen. Am späteren Sonntagnachmittag stürzte ein Teil der Brandmauer der schwer mitgenommenen und vormittags völlig geräumten Liegenschaft Nadelberg 23A zu den Überresten der Liegenschaft 25 teilweise zusammen. Ein grosses Loch klaffte nun über zwei Stockwerke und man konnte wie in ein Puppenhaus ins Innere sehen. Somit war auch in diesem Fall klar, dass die Liegenschaft über Monate unbewohnbar bleiben würde.
Foto Links: Schäden durch Russ und Löschwasser im Innern der Liegenschaft Nadelberg 23a - Quelle Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker
Foto Rechts: Leitungen im Treppenhaus in der Liegenschaft Nadelberg 23a - Quelle Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker
Die Ablösungen der Feuerwehr liefen weiter. Nach 18 Uhr am Samstag bis Sonntag, 6 Uhr hatte die dritte Kompagnie die erste und zweite abgelöst. Um 6 Uhr trat die vierte Kompagnie in Funktion. Um 13 Uhr am Sonntag wurde die vierte durch die zweite abgelöst, um 20 Uhr trat an Stelle der zweiten die erste Kompagnie in den Einsatz. Sie stand die ganze Nacht hindurch bei grosser Kälte auf den vereisten Trümmern und ergoss ununterbrochen Wasser gegen die Brandherde. Trotz stundenlangem Kampf brannte es immer noch.
Fotos: Eingestürzte Brandmauer zwischen dem Zwingerhaus Nadelberg 23a und den Überresten des niedergebrannten Lagers am Nadelberg 25/27 - Quelle Feuerwehrmuseum Basel - Kolorierung Patrick Schlenker
Fotos: Im 2. Obergeschoss des Zwingerhauses. Das erst kurz zuvor renovierte Gebäude konnte zwar gerettet werden, jedoch war ein Teil des Dachstuhles abgebrannt, sowie die Brandmauer teilweise eingestürzt. Tausende Liter Wasser und gefrorenes Eis setzten dem Gebäude stark zu - Quelle Privararchiv / Kolorierung Patrick Schlenker
Montag, 20. Februar 1956
Am Montagmorgen, am dritten Tag des Brandes, war die Arbeit noch immer nicht beendet und es war auch kein Ende in Sicht. Bestenfalls der Anfang vom Ende. Der an diesem Morgen begonnene Morgenstreich verlieh dem ohnehin unwirklichen Treiben eine besondere, fast surreale Atmosphäre. Im Bereich der Innerstadt schimmerten die Laternen wie durch einen Schleier aus Rauch und Dunst, und zwischen ihnen bewegten sich Menschen wie Schatten. Um 6 Uhr wurde die erste Kompagnie wieder durch die dritte ersetzt. Die Lage wirkte zugleich trostlos und unwirklich. Eine dicke Eisschicht lag nun auch über dem riesigen Trümmerhaufen, meterlange Eiszapfen am verkohlten Gebälk, und darunter, verborgen, Glut und Brandherde, die immer wieder aufflackerten.
Zu Beginn des Montagnachmittags loderte das Feuer plötzlich wieder so heftig auf, dass erneut eine grosse Rauchwolke zum Himmel stieg. Viele Fasnächler befanden sich auf dem Weg in die Innerstadt. Das Aufflammen war zum Glück von kurzer Dauer. Unter dem riesigen Trümmerhaufen brannte es immer noch weiter, offenbar so lange, bis der letzte Reifen den Flammen zum Opfer gefallen sein muss.
Foto: Auch am Montag rauchte es immer noch aus der Brandruine- Quelle Feuerwehrmuseum Basel - Kolorierung Patrick Schlenker
Im Laufe des Tages erfolgten wichtige Sicherungs- und Räumungsmassnahmen. Nach einer baupolizeilichen Untersuchung am frühen Morgen wurde die Liegenschaft Nadelberg 23A gegen die Strassenseite hin abgestützt, damit bei einem teilweisen Zusammenbruch Trümmer nicht auf die Strasse stürzen konnten und man so auch hoffte, einen Totalschaden des historisch wertvollen Gebäudes zu verhindern. Gleichzeitig setzte man Stützbalken quer über den Nadelberg ein. Eindeutig ermittelt wurde zudem, dass eine etwa sechs Meter hohe, stadtwärts gelegene Mauer im unteren Teil der Brandliegenschaft feststehe. Sie lag bei der Abzweigung des Imbergässleins und war von Bedeutung, weil sich dahinter der Hauptbrandherd befand. Solange unklar war, ob diese Mauer halten würde, hatte man für Anwohner des hinteren Imbergässleins vorsorgliche Massnahmen getroffen.
Um 12.40 Uhr erfolgte eine weitere Alarmierung der fünften Kompanie durch die Feuerwache. Während des Einsatzes standen laufend rund zwei Drittel des Mannschaftsbestandes im Dienst. Ein Drittel konnte sich jeweils in einem geheizten Raum aufhalten. Diese Reserve wurde vor allem für den regelmässigen Wechsel der Rohrführer eingesetzt, um Erfrierungsschäden zu vermeiden. Das Thermometer war ein weiteres Mal auf -18 Grad gefallen.
In der Zwischenzeit war auch ein Bulldozer der Firma Musfeld eingesetzt, um den mit Trümmern und eingestürzten Mauerresten übersäten Nadelberg freizumachen. Das Manövrieren mit schweren Lastwagen in dieser engen Altstadtgasse war schwierig, dennoch gelang es, erste Trümmerhaufen wegzuräumen. Das Wegräumen der Trümmer gab dem im Keller noch wütenden Feuer immer wieder frische Luft, was eine sofortige Verstärkung begünstigte und den erneuten Einsatz von Löschmitteln erforderte.
Der noch bestehende Brand wurde für diesen Zeitpunkt in einem etwa acht Meter tiefen Kellerraum lokalisiert, in dem ebenfalls noch beträchtliche Mengen Reifen gelagert waren. Aufgabe von Feuerwehr und Abbruchleuten war es nun, schrittweise freie Bahn zu diesem letzten Brandherd zu schaffen, ohne ihn durch Luftzug ständig neu anzufachen.
Auch abseits des Grossbrandes blieb die Feuerwache gefordert. In der Nacht rückte sie zwei Mal aus wegen Wasserschäden bei geborstenen Leitungen. Einmal im Arbeitsamt an der Rheingasse und einmal in einem Wohnhaus an der Davidsbodenstrasse. Zudem musste man zum Café Savoy am Marktplatz ausrücken, weil Morgenstreichbesucher die verglaste Türe eingedrückt hatten.
Dienstag, 21. Februar 1956
In der Nacht auf Dienstag wurde mit reduziertem Bestand eine aktive Brandwache aufrechterhalten. Gleichzeitig ging die Planung weiter, wie man dem Brand im Keller endgültig beikommen könne. Ziel war, durch Räumung und Öffnung der Trümmer den Zugang zu den letzten Brandherden freizulegen. Die Brandstätte blieb aber ein Ort zwischen Feuer und Eis. Auch am Dienstagmorgen war es der Feuerwehr nicht gelungen, den Brand endgültig zu ersticken. Gleichzeitig verdichteten sich die Einschätzungen zur Bausicherheit. Die Liegenschaft Nadelberg 23A galt als völlig unbewohnbar. Im Falle eines Tauens des Löschwassers bei Tauwetter könnte das Gebäude teilweise einstürzen. Die zuständigen Behörden erliessen deshalb ein striktes Betretungsverbot.
Vormittag stiftet eine Metzgereifirma aus der Innerstadt der gesamten Mannschaft sowie den dienstleistenden Strassenarbeitern heisse Wienerli mit Brot, was diese bei der scharfen Kälte als Zwischenverpflegung dankbar entgegennehmen, desgleichen das von Bäckereien gestiftete Brot. Auch sonst ist die Hilfsbereitschaft vorbildlich.
Foto: Zur Seite abgestützte Fassade des Zwingerhauses quer über den Nadelberg - Quelle Feuerwehrmuseum Basel - Kolorierung Patrick Schlenker
Mittwoch, 22. Februar 1956
Die Räumungsarbeiten gingen nun Hand in Hand mit dem Löschen. Neben dem Bulldozer setzte das Abbruchunternehmen einen schweren Bagger ein. Er riss Brandschutt auseinander, jenen riesigen Haufen von halb und ganz verbrannten Auto-Reifen, dazu verkohlte und verbrannte Zeitungspapierrollen und anderes, und verlud alles auf Lastwagen. Dabei kam gelegentlich dies und jenes unversehrt wieder zum Vorschein. Fast mit jedem Griff des Baggers brach aber auch wieder das Feuer aus. Mehrmals musste die Feuerwehr ihre Stahlrohre in aller Eile in Aktion setzen.
Foto: Komplett zerstörte Häuserzeile Nadelberg 25/27 - Quelle Feuerwehrmuseum Basel - Kolorierung Patrick Schlenker
Am Nadelberg wurden kurz nach Mittag die polizeilichen Absperrungen durch Schaulustige durchbrochen. Zwischen Bagger und Bulldozer entstand ein dichtes Gedränge. Zur Vermeidung von Unfällen wurden die Arbeiten vorübergehend eingestellt, bis die Polizei die Menschenmenge zurückgedrängt hatte.
Inzwischen legte man auch einen Teil der Trennmauer um. Die abgebrannte Liegenschaft hatte sich ursprünglich aus zwei Häusern zusammengesetzt, und beim Umlegen der Trennmauer bekam auch die Eckensteinsche Liegenschaft wieder etwas ab. In der Nacht ratterten unaufhörlich die Motorpumpen. Ein Schwerpunkt lag nun auch darauf, Wassermassen aus Kellern wegzuschaffen, unter anderem aus Kellern am Spalenberg, in das Löschwasser eingedrungen war.
Foto: Der Musfeld-Bagger im Einsatz, um den Keller freizulegen und letzte Brandnester zu lokalisieren - Quelle Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker
Donnerstag, 23. Februar 1956
Für diesen Tag wurde in den Berichten keine neue, abschliessende Brandmeldung festgehalten, wohl aber die Einschätzung, dass der Brand in den Kellerräumlichkeiten kaum vor Donnerstag als gelöscht gemeldet werden könne. Gleichzeitig wurde beobachtet, dass aus der Tiefe mehr Dampf als Rauch aufstieg, was als Zeichen einer Verringerung des Feuers gedeutet wurde. Durch fortschreitende Schuttentfernung ergaben sich zudem Möglichkeiten, die Liegenschaft 23A vom Keller her nach oben zu verspriessen. Ziel war, bedenklich neigende Böden zu sichern und die Einsturzgefahr weiter zu verringern.
Bei all dem Unglück ging fast unter, dass der Nischenbrunnen, der zum Nadelberg 25 gehörte, in Eis, Schmutz und Geröll gehüllt, weiterhin vor sich hinplätscherte.
Als Besitzerin der Liegenschaft Nadelberg 25–27 wurde Frau Ingeborg Maurer-Schmidt in Zürich genannt. Die Bewohner des Zwingerhauses 23A hatten in der Zwischenzeit neue Unterkünfte in Hotels und anderen Wohnungen gefunden. Unklar blieb, ob das erst vor vier Jahren vollständig renovierte Zwingerhaus repariert werden kann oder ob Abbruch und Neubau nötig würden. Auch die Bewohnerin der Dachwohnung im Haus 31 hatte eine vorübergehende Unterkunft gefunden.
Links aussen sind das Satteldach und die Brandmauer des Hauses zur Hinteren Hattstatt (Nr. 31) zu sehen. Vor dem langgestreckten Dach des Rosshofes und dem hohen Doppeldach des Hauses Nr. 20 dehnt sich die Brandstätte aus. Rechts erhebt sich die gotische Fassade des 1950/51 renovierten Zwingerhauses mit dem Treppenturm, dem ausgebrannten Dachstuhl und der Brandmauer (links), die unter der Einwirkung von Feuer und Wasser eingestürzt ist. - Quelle Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker
Freitag, 24. Februar 1956
Der Brand wurde nun auch politisch zum Thema. Der Präsident der radikal-demokratischen (RDP) Grossratsfraktion, Dr. Otto Miescher, kündigte eine Interpellation an. Er nahm den Grossbrand vom Samstag, 18. Februar 1956 zum Anlass für Fragen an den Regierungsrat: Hatten die verantwortlichen Instanzen Kenntnis davon gehabt, dass Altstadthäuser in dicht bebauten Wohngebieten zur Lagerung von Reifen, Papier und Zucker benutzt wurden und ob diese Nutzung zulässig und zweckmässig gewesen ist und ob nicht die Altstadtsanierung im Sinne der 1945 ausgearbeiteten Pläne baldmöglichst an die Hand genommen werden müsse.
Er verwies damit auf die dichte Bauweise, die latente Brandgefahr und die Wohnverhältnisse im betroffenen Gebiet.
Im weiteren Zusammenhang wurde festgehalten, dass der Grossbrand auch der Arbeitsbeschaffungskommission vor Augen geführt habe, wie wichtig Sicherheit vor Brandkatastrophen gerade in der Altstadt ist. Die Kommission kündigte eine Besichtigung des Zwingerhauses an, das bei seiner Renovation mit 75’000 Franken subventioniert würde. In derselben Sitzung wurden zudem weitere Beiträge an Altstadtrenovationen beschlossen (unter anderem an Fassaden und Umbauten an verschiedenen Orten) sowie 10’000 Franken für einen Umbau des Zehntenkellers der Lesegesellschaft, um die gotischen Gewölbe künftig kulturell zu nutzen.
Samstag / Sonntag, 25. / 26. Februar 1956
Dieser Ausschnitt aus dem 1945 angefertigten und damals im Stadtplanbüro ausgestellten Modell zeigt, wie der Häuserblock zwischen Nadelberg, Spalenberg und Imbergässlein nach der im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsaktion geplanten Sanierung ungefähr aussehen soll: An Stelle der Abzweigung vom Imbergässlein dehnt sich hier ein beträchtlich erweiterter Andreasplatz bis zum freigelegten gotischen Spalenhof. Rechts oben ist das durch den Brand schwer beschädigte Zwingerhaus mit seinem Treppenturm zu sehen, an dessen linker Seite schon damals, an Stelle des bestehenden und nun niedergebrannten Lagerhauses Nr. 25/27, zwei Wohnhäuser geplant waren. Foto Basler Nachrichten 25./26. Februar 1956 - Privatarchiv Patrick Schlenker
Mit dem Blick zurück stellte sich nun drängend die Frage. Was wird aus den Trümmern am Nadelberg? Bleibt eine Lücke, oder entsteht Neues? Gleichzeitig wurde auf ältere Stadtpläne und Modelle verwiesen. Ein Modell aus dem Jahr 1945, im Stadtplanbüro ausgestellt, zeigte die damals im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsaktion geplante Sanierung des Häuserblocks zwischen Nadelberg, Spalenberg und Imbergässlein. Anstelle des nun niedergebrannten Lagerhauses waren in diesen Plänen bereits zwei Wohnhäuser vorgesehen, die sich äusserlich ins Gesamtbild einfügen sollten, innen jedoch modernen Ansprüchen genügen.
Der Eigentümerin der abgebrannten Liegenschaften 25 und 27 wurde mitgeteilt, dass es ihr freistehe, wieder ein Lagerhaus zu errichten, dass dies jedoch aus verkehrstechnischen und feuerpolizeilichen Gründen in weiten Kreisen nicht verstanden würde, zumal auch der Mangel an geeigneten Wohnungen in der Altstadt erwähnt wurde. Zugleich wurde betont, dass in der unter Denkmalschutz stehenden Altstadtzone ohnehin kein beliebiger Bau möglich sei und ein Neubau sich der Umgebung anpassen müsse.
Montag, 27. Februar 1956
Um 12.00 Uhr konnte die Brandwache nach rund 170 Stunden endlich eingestellt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Räumungsarbeiten mit dem Bulldozer am Montagvormittag so weit vorangekommen, dass der Zugang zum rund acht Meter tiefen Keller freigelegt werden konnte. Dort lagerten noch zahlreiche Tonnen Reifen, die weder durch Feuer noch durch Löschwasser beschädigt worden waren.
Dienstag, 28. Februar 1956
Am Nachmittag des 28. kam es noch zu einem Nachbrand. Der Brandschutt vom Nadelberg, welcher in eine Kiesgrube bei Muttenz abtransportiert wurde, flammte dort erneut wieder auf, sodass die Feuerwehr Muttenz mit einer Schlauchleitung eingreifen und die Brandstelle löschen musste.
Bilanz und Brandursache
Der Schaden wurde in allen Berichten übereinstimmend in der Grössenordnung von rund zwei Millionen Franken veranschlagt, teils ausdrücklich „weit über zwei Millionen“ (Heute ca. 9.5 Millionen Franken). Allein die verbrannten Reifen wurden mit über 1,5 Millionen Franken beziffert. Dazu kamen Zuckervorräte, Papier und weitere eingelagerte Waren sowie Gebäude- und Wasserschäden an den Brand- und Nachbarliegenschaften. Der Schaden sei grösstenteils durch Versicherung gedeckt.
Die Brandursache blieb über die Tage hinweg ungeklärt. Zwar wurde eine Kurzschluss-Vermutung in der Schaltanlage erwähnt, aber nicht bestätigt. Die Kriminalpolizei nahm laufend Einvernahmen vor, wertete Unterlagen und Aussagen aus, aber konkrete Angaben lagen zunächst nicht vor. Festgehalten wurde lediglich, dass der Brandherd mit Bestimmtheit im Südostteil des grossen Lagerhauses zu suchen sei. Später wurden weitere Möglichkeiten geprüft und wieder verworfen. Weder eine Staubexplosion noch eine Selbstentzündung galten als wahrscheinlich. Auch die Frage eines elektrischen Defekts wurde intensiver untersucht, und in einzelnen Berichten wird festgehalten, dass ein Kurzschluss nach Abklärungen durch das Elektrizitätswerk eher ausgeschlossen worden sei. Parallel dazu tauchten in der öffentlichen Diskussion Vermutungen auf, es könne fahrlässiges Verhalten im Spiel gewesen sein, etwa durch Rauchen trotz ausdrücklichem Verbot. Ein Strafverfahren gegen zwei im Haus beschäftigte Magaziner wurde später jedoch mangels Beweisen eingestellt. So blieb am Ende der gleiche Befund wie in den ersten Tagen. Viele Indizien, widersprüchliche Wahrnehmungen und eine Brandstelle, die durch Hitze, Einstürze und Wasser so stark verändert war, dass sichere Rekonstruktion kaum mehr möglich wurde.
Und über allem blieb, was viele in dieser Woche unmittelbar erlebten - ein Grossbrand, der sich nicht in Stunden, sondern in Tagen erschöpfen musste. Eine Feuerwehr, die zwischen Feuerhitze und Frost arbeitete, auf vereisten Dächern, hinter Absperrungen, unter Scheinwerfern in der Nacht und eine Altstadt, deren Enge in jenen Stunden nicht romantisch wirkte, sondern wie ein Risiko, das man zu lange als gegeben hingenommen hatte.
Fotos: Die Feuerwehr Basel im Einsatz am Nadelberg am Nachmittag des 18. Februar 1956 - Quelle Privatarchiv Patrick Schlenker
Im Verlauf der Löschaktionen wurden insgesamt rund 10’000 Kubikmeter (zehn Millionen Liter) Wasser auf den Brandherd abgegeben. Neben den Pompiers der städtischen Feuerwache sowie den Kräften von Polizei und Baudepartement standen gemäss Rapport folgende Mannschaften im Einsatz: Insgesamt 28 Offiziere, 63 Unteroffiziere und 315 Feuerwehrmänner. Einzig der Löschzug der freiwilligen Feuerwehr von Bettingen wurde nicht aufgeboten. Die Feuerwehr hatte zur Bekämpfung des Brandes rund 311 Schläuche mit einer Gesamtlänge von 5400 Metern verlegt. Dazu wurde 1620 Liter Benzin und 56 Liter Gasöl verbraucht. Die Kosten an Sold beliefen sich auf 11'753.35 sowie an Verpflegungskosten in Höhe von 4'308.25 Schweizer Franken.
Politische Folgen
In den Tagen nach dem Brand begann die Polotische Stimmung zu kippen. Was am Nadelberg 25/27 als Lagerhausbrand begann, wurde in den Amtsstuben rasch als Symptom gelesen. Nicht nur wegen des Schadens von rund zwei Millionen Franken, sondern weil das Feuer zwei alte Basler Streitpunkte auf einen Schlag sichtbar machte. Die Nutzung der Altstadthäuser und die Frage, wie „durchlässig“ und sanierbar diese dichte Struktur überhaupt sein soll und darf.
Bei der Nutzung ging es um etwas, das im Alltag banal wirkt und erst nach einem solchen Feuer politisch wird. Was darf in Altstadthäusern gelagert werden und unter welchen Bedingungen. Ein Reifenlager ist nicht einfach Ware, sondern eine ungeheure Menge an Brandlast, besonders wenn es in hohen Stapeln bis an geschlossene Fenster reicht und wenn zusätzlich Papierbestände im Haus liegen. In der Rückschau wurde genau das zum Kern, weniger eine moralische Schuldzuweisung als eine administrative Frage. Wer wusste, was dort lagert. Wer hätte es wissen müssen. Und wieso war eine Lagerung möglich, die im Ernstfall fast nicht anzugehen ist, weil Wasser aussen verdampft und der Brandkern innen weiterfrisst.
Fast gleichzeitig zog der Brand die alte Debatte um die Altstadtsanierung nach oben. Für jene, die schon lange sagten „das ist brandgefährlich, so dicht, so verwinkelt, so alt“, lieferte der Nadelberg plötzlich ein Ereignis, das sich nicht mehr als Theorie abtun liess. Kurz darauf wurde in der Regierung und in den zuständigen Stellen wieder intensiver über die Sanierungsbedürftigkeit der Altstadt gestritten. Der Nadelberg war dabei nicht irgendein Beispiel, sondern das Beispiel, enge Gasse, schwierige Zufahrt, bei Kälte gefrierendes Löschwasser, Dach an Dach, Hinterhöfe und Durchgänge, die im Ernstfall wie Kamine und Engpässe wirken. In dieser Logik wurde der Brand weniger als Zufall gelesen, sondern als Warnsignal einer Bauweise, die im Alltag charmant ist und im Ernstfall gnadenlos.
Damit war man automatisch beim zweiten Punkt, Zugänglichkeit und Verkehr. Basel trug in jener Zeit nicht nur Sanierung im Sinn von besseren Wohnungen voran, sondern auch die Idee einer moderneren, heute kaum mehr zu glaubenden auto- und verkehrstauglichen Innenstadt. Das führte zu Plänen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren teils radikal waren. Korrekturen und Verbreiterungen von Strassen die quer durch historisch gewachsene Strassenräume gezogen wurden. Im Umfeld Schneidergasse, Spalenberg, Nadelberg standen solche Eingriffe im Raum, und sie hätten Abbrüche historischer Häuserzeilen bedeutet. Ein Brand wie jener am Nadelberg half, solche Gedanken zu begründen, nicht als ästhetischer Wunsch, sondern als Sicherheits- und „wir müssen dort durchkommen“-Argument der Feuerwehr.
Foto: Nadelberg Anfang der 40 Jahre. Im Hintergund der Kirchturm der Peterskirche. Links ist das Schild des Klavier- und Flügelfirma Eckenstein, Nadelberg 20 zu erkennen, sowie der dazugehörige Teil des Rosshofes. Vis-a-vis die drei Säulen des Nischenbrunnens am Nadelberg als Teil der Gebäude Nadelberg 25/27, weche am 18. Februar 1956 in Flammen aufingen. Quelle - Staatsarchiv Basel AL 45, 7-72-5 - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Gleichzeitig passierte etwas, das im Protokoll der Brandwoche noch kaum sichtbar ist, aber für das Quartier entscheidend wurde. Der Widerstand formierte sich. Gerade rund um Rosshof und Nadelberg verdichteten sich die Konflikte zu einem Muster, das Basel noch lange beschäftigte. Parkplatz- und Verkehrslogik gegen Erhalt und Nutzungsmischung. Flächen, die nach 1956 als praktisch galten, wurden plötzlich auch als verführbar gesehen, erst als Parkplatz, dann als Idee für grössere Anlagen. Spätestens ab 1959 tauchten im Rosshof-Umfeld Abbruchgerüchte zugunsten eines Autosilos auf. Zuletzt gab es dort dann nur einen Parkplatz, der den Titel des teuersten der ganzen Schweiz verliehen wurde. Heimatschutz, Denkmalpflege und Teile der Öffentlichkeit widersprachen deutlich. Der Nadelberg wurde damit zum Symbolort. Nicht nur, weil dort ein Lagerhaus brannte, sondern weil sich dort die Frage zuspitzte, ob man die Altstadt vor allem für Autos ordnen oder vor allem als Lebens- und Geschichtsraum erhalten will.
Foto: Aktion Nadelberg Fakelumzug vom 11. März 1961 - Quelle Staatsarchiv Basel-Stadt BSL 1013 1-1558 3 - Kolorierung Patrick Schlenker 2026
Der sichtbarste Einschnitt folgte am 11. März 1961 mit der „Aktion Nadelberg“. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten in der Innenstadt für den Erhalt des Rosshofs. Das war nicht nur Protest gegen ein einzelnes Projekt, sondern ein Ereignis, das die Kräfteverhältnisse verschob. Nach diesem Tag liess sich die Altstadt nicht mehr nur als technische Sanierungsaufgabe behandeln, sie war nun offen ein politischer und emotionaler Raum. Wem gehört das Stadtbild? Was darf man opfern, um Autos unterzubringen? Und was heisst „modern“, wenn dabei jahrhundertealte Strukturen verschwinden? Wie veränderte sich das Quartier in der Folge?
Nicht in einem Schnitt, eher in Schüben. Ein Teil lief unter dem nüchternen Begriff der «Entdichtung». Hinterhäuser verschwanden, Höfe wurden geöffnet, Strukturen ausgedünnt. Gleichzeitig ging es um Wohnhygiene, also um Dinge, die damals keineswegs selbstverständlich waren, Bad, Warmwasser, zeitgemässe sanitäre Installationen. In vielen Altstadtwohnungen jener Zeit fehlte das. Sanierung hiess darum nicht nur die Fassade zu retten, sondern innen einen Sprung ins 20. Jahrhundert machen. Für manche Bewohner war das Verbesserung, für andere Bruch, weil Sanierung auch teurer, repräsentativer und weniger improvisiert wurde, weniger Lager und Werkstatt, mehr Wohnen.
So wurde der Brand am Nadelberg rückblickend zu einem Ausgangspunkt zweier Bewegungen, die sich gegenseitig bremsten, mehr staatliche Aufmerksamkeit für Sicherheit, Nutzungskontrolle und Sanierung auf der einen Seite und mehr öffentlicher Druck für Erhalt und behutsame Erneuerung auf der anderen. Genau in dieser Reibung formte sich das Quartier, das man heute kennt.
Zeichnung von Peter Birkhäuser während der Sanierung des Zwingerhauses Nadelberg 23a. Das Bild hängt im Treppenhaus der Liegenschaft als Erinnerung an die Tage danach
Das Zwingerhaus blieb lange Zeit eine Ruine, weil sich die Gebäudeversicherung und der damalige Besitzer nicht einigen konnten. Die Versicherung drängte auf einen Abriss, während der Besitzer den Erhalt des Gebäudes wollte. Glücklicherweise wurde das Zwingerhaus schliesslich gerettet und renoviert.
Nachwort
Die Ursache des Brandes konnte bis heute nicht restlos geklärt werden. Im Nachgang wurden durch die Feuerwache Basel zusammen mit der Feuerpolizei verschiedene Tests durchgeführt, um zu klären, welche Energie nötig gewesen wäre, um einen solchen Brand auszulösen. Trotz dieser Abklärungen blieb am Ende ein Rest Unsicherheit. Auch, weil ein Feuer dieser Grössenordnung Spuren und mögliche Auslöser gleich selbst vernichtet. Die Liegenschaft wurde im selben Jahr wieder aufgebaut.
Was bleibt, ist vor allem eine Frage der Einsatzfähigkeit. Der Nadelberg hat gezeigt, wie brutal ein Feuer in einer Altstadt ist. Enge Gassen, kurze Distanzen und trotzdem lange Wege, dazu eine jahrhundertealte Bausubstanz. Die Feuerwehr Basel war damals nicht zu spät, aber ein Löschangriff braucht Platz für Rettungen, Fahrzeuge, Leitungen, Nachschub und als Bewegungsraum. Damals kamen Frost, Eis und gefrierende Leitungen dazu, heute wären es allenfalls andere Faktoren. Der Kern bleibt derselbe. In der Altstadt ist jede Behinderung sofort mehr als eine Unannehmlichkeit. Sie wird zur taktischen Einschränkung.
Glücklicherweise hat sich seit 1956 vieles verändert. Bau- und Brandschutzrecht, Kontrollen, Meldeanlagen, Materialvorgaben, Fluchtwege, Auflagen für Lagerungen. Trotzdem sollte man sich nichts vormachen. Vorschriften sind ein Rahmen, kein Garant. Sie senken Risiken, verhindern aber nicht jede Verkettung unglücklicher Umstände. Und sie stossen an Grenzen, wenn die Bausubstanz alt ist, Räume verwinkelt sind, Brandabschnitte historisch bedingt ungünstig liegen oder Hinterhöfe, Durchgänge und Dachlandschaften wie ein zusammenhängendes System wirken. Dazu kommen blinde Flecken, die sich beim besten Willen nicht ganz beseitigen lassen.
Am ernüchterndsten bleibt die Erkenntnis, dass ein Grossfeuer in der Altstadt auch heute möglich ist. Man muss nicht damit rechnen, dass wieder 30’000 Reifen bis an geschlossene Fenster gestapelt werden. Es braucht keine solchen Extreme, damit ein Brand gross wird. Es reicht, wenn Brandlast, Wind, bauliche Gegebenheiten und eingeschränkte Zugänglichkeit zusammenfallen. Moderne Regeln reduzieren die Wahrscheinlichkeit und geben der Feuerwehr bessere Mittel. Sie nehmen der Altstadt aber nicht ihre Eigenart, dass ein Feuer dort schneller Folgen für Nachbarn hat als anderswo.
Der Nadelbergbrand ist damit nicht nur eine Geschichte über einen aussergewöhnlichen Lagerinhalt. Er erinnert daran, dass die Feuerwehr in der Altstadt immer auch gegen die Struktur arbeitet und dass man diese Struktur nur dann sicherer macht, wenn Einsatzwege, Nutzung und Brandschutz im Alltag konsequent ernst genommen werden.
Nadelberg Heute
Am damaligen Nadelberg 25 / 27 stehen heute zwei neue Gebäude, erbaut 1959. Man wollte mit der umfassenden Sanierung der Altstadt nicht allzu lange abwarten. Die öffentlich angekündigte Aktion, auf der Brandstätte Nadelberg 25/27 neu 23 Wohnungen zu erstellen, verlief damals im Sand. Der Nischenbrunnen sollte erhalten bleiben, gerettet durch Unterschriften, auch wenn nicht mehr so, wie dieser ursprünglich war. Der Brunnen ist von der rechten Nischenseite zur Mitte versetzt worden.
Fotos: Nadelberg 25/27 2026 und 1956 - Quelle S/W Foto Feuerwehrmuseum Basel
Fotos: Hauseingang Nadelberg 23 a Zwingerhaus 2026 und am 20. Februar 1956 - Quelle S/W Foto Privatarchiv Patrick Schlenker
Artikel als druckbares Pdf
Quellen:
- Feuerwehrmuseum Basel
- Staatsarchiv Basel-Stadt
- Altbasel.ch
- "die Basler Feuerwehr" von Bruno Thomen
- "Morde, Brände und Skandale" Hans Jenny
- National Zeitung
- Basler Nachrichten
- Basellandschaftliche Zeitung
- Neue Zürcher Zeitung
- Nachlass Rolf Schlenker

































